Reportage

»Designerschuppen« mit wechselvoller Geschichte:

Das Lloyd-Hotel

Ein Artikel von Annette Krus-Bonazza, der Autorin des MM-City-Guides »Amsterdam« (2. Auflage 2005). In ihrer Reportage berichtet sie über ein ehemaliges Transithotel für Emigranten, für dessen Neugestaltung 116 namhafte Künstler und Architekten im Einsatz waren und das als einziges Haus der Welt über zwei und vier Sterne verfügt.


Es gab einige im fröhlichen Stimmengewirr der Amsterdamer Schickeria verhallende Reden, dazu Bier und Bitterballen, Champagner und Austern, Hühnchen und Hering, Kaviar und Kaskroketten. Unter den geladenen Gästen waren Einfluss- und Erfolgreiche, Kreative und Schöne aus Politik, Kunst- und Modeszene, Werbe- sowie IT-Branche, aber auch Menschen wie Irma und ich. Meine sympathische, unablässig »Drum« drehende Tischnachbarin stellte sich als Videokünstlerin aus der holländischen Provinz vor, die sich mit kleinen Aufträgen mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Die flippige Enddreißigerin hatte im geschichtsträchtigen Backsteingebäude an der Oostelijke Handelskade im östlichen Hafenviertel gewohnt und bis zu dessen Renovierung gearbeitet; an jenem Abend wurde es in neuem Design, aber unter altem Namen offiziell (wieder-)eröffnet.

Anders als Irma, die die offizielle Eröffnung des Lloyd-Hotels schon seit Wochen in ihrem Terminkalender vermerkt hatte, war ich erst wenige Stunden zuvor, eher zufällig, zu diesem gesellschaftlichen Ereignis eingeladen worden. Als ich zwecks Recherchen für die druckfrische 2. Auflage des Amsterdam MM-City-Guides um die Mittagszeit des 11. November 2004 die historische Hotelhalle betrat, liefen die Vorbereitungen für den abendlichen Empfang schon auf Hochtouren. Weil sie in dem Moment keine Zeit für mich hatte, lud mich die freundlich-geschäftige Marketing-Referentin zur Eröffnungsfeier und einem Cappuccino im bereits wenige Tage zuvor eingeweihten Hausrestaurant »Snel« ein. Am Abend könne ich dann die frisch gestylten Zimmer besichtigen, versprach sie noch und reichte mir im Weggehen eine Pressemappe mit allen Neuigkeiten über das Lloyd-Hotel zum Kaffee.

Das turmgekrönte Backsteingebäude war zu Beginn des vorigen Jahrhunderts von einem Architekten namens Evert Breman entworfen worden, wurde zwischen 1917 und 1921 erbaut und diente seither als Transithotel für Emigranten, die via Amsterdam nach Mittel- und Südamerika auswandern wollten. Es war damals für 900 Gäste konzipiert, verfügte über getrennte Schlafsäle für Männer und Frauen, spezielle Räumlichkeiten für die Unterbringung von Familien und eine Krankenabteilung. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude zweckentfremdet und von den deutschen Besatzern als Gefängnis genutzt. Nach dem Krieg saßen hier diejenigen ein, die mit den Deutschen kollaboriert hatten und später – zwischen 1964 und 1989 – straffällig gewordene Jugendliche. Danach wurde das Haus – u.a. von Irma und ihren Freunden – besetzt und anschließend bis 2001 legal für die Einrichtung von Künstlerwohnungen und -ateliers zur Verfügung gestellt. Nachdem die letzten Bewohner aus- und Irma aufs Land gezogen war, begannen die von dem namhaften Rotterdamer Architekturbüro »MVRDV« künstlerisch angeleiteten Renovierungsarbeiten.In jenem Jahr auf Recherche für die 1. Auflage des City-Guides im östlichen Hafengebiet unterwegs, war mir das alte Lloyd-Hotel schon damals aufgefallen und sein Umbau eine Erwähnung im ersten Reiseführer wert gewesen. Umso mehr freute es mich, dass ich nun zu den Ersten gehörte, die eine Auswahl der insgesamt 116 von namhaften Architekten und Künstlern variationsreich gestalteten Zimmer zu Gesicht bekamen. Ich staunte über Betten im Stil von Alkoven und solche, in denen acht Personen Platz finden, edel gekachelte Bäder und mit giftgrünem Kunststoff bezogene Nasszellen, registrierte aber auch nur zweckmäßige Etagenduschen und -toiletten. Das von einem vierköpfigen Team aus Rechtsanwalt, Köchin, Kunsthistoriker sowie Ausstellungs- und Eventmanagerin konzipierte und geleitete neue Designerhotel bietet nämlich Zimmer mit Zwei- bis Viersterne-Standard an. Auf unterschiedlichem kulinarischen und Preisniveau rangieren auch die beiden hauseigenen Restaurants »Sloom« und »Snel«, so dass im Lloyd-Hotel auch in Zukunft sowohl Austern als auch Hering, Kaviar und Kaskroketten serviert werden. Während mehrgängige Menüs langsam und im intimen Ambiente des »Sloom« zu genießen sind, kann man im »Snel« rund um die Uhr preiswerte kleine Gerichte bestellen und gehobenen Fast Food konsumieren.

Vom »Snel«, einem großen hellen Raum mit edel-freundlicher Kantinenmöblierung und -atmosphäre, führt eine offene Treppe in das so genannte »Kulturelle Konsulat« (Culturele Ambassade), das zusammen mit dem Hotelbetrieb an jenem Abend offiziell eröffnet wurde. Dort können sich die Hotelgäste seither, mit Blick auf das bunte Restauranttreiben darunter, per Mausklick, mittels Tausender von Veranstaltungsprospekten oder persönlicher Beratung über das Amsterdamer Kulturprogramm informieren, entsprechende Arrangements buchen, Theater- und Konzertkarten bestellen.

Vom »Kulturellen Konsulat« wieder in den Eröffnungspartytrubel ins »Snel« hinabgestiegen, trank ich noch ein Glas mit Irma, die ein Zweisterne-Zimmer im neuen Lloyd-Hotel gebucht hatte und wehmütig und weinselig vom ehemaligen schwärmte. Dann spazierte ich mit Blick auf die Lichter von Java- und KNSM-Eiland entlang der Oostelijke Handelkade vorbei an der angesagten Partylocation »Panama«, dem historischen Speicherhaus Pakhuis Amsterdam, wo übrigens gut einen Monat später das zweite kulinarisch und sozial ambitionierte Nichtraucherrestaurant »Fifteen« unter der Schirmherrschaft des jugendlichen Kult- und Fernsehkochs Jamie Oliver eröffnen sollte, in etwa 20 Minuten zum Hauptbahnhof.


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