Reportage

Leonardo da Vinci -

das europäische Genie der Neuzeit

Sehenswerte Ausstellungen gibt es in Brüssel reichlich – und die EU-Metropole eignet sich optimal, Leben und Werk europäischer Genies zu entdecken: Der letzte Newsletter war deshalb dem Thema Rubens gewidmet. In der nationalen Basilika von Koekelberg, der fünfgrößten Kirche der Welt, ist nun bis zum 15. März 2008 die Ausstellung »Leonardo da Vinci, das europäische Genie« zu sehen. Petra Sparrer, die Autorin des MM-City-Guides »Brüssel«, der im April in einer Neuauflage erscheint und auf unserer Internetseite reserviert werden kann, hat sich auf die Spuren des Universalgenies begeben.


Auf dem Weg zum Eingang der Leonardo da Vinci-Ausstellung trifft man Polizisten. Mit Schäferhunden umkreisen sie die Basilika von Koekelberg. Schließlich hat das wertvollste der wenigen Originale des Meisters eine Versicherungssumme in zweistelliger Millionenhöhe: Seine Vogelflugstudien (das 1505 verfasste Traktat über den Flug der Vögel) wurden mit einem bewachten Transport aus der Bibliothek von Turin nach Brüssel gebracht. Es ist neben 20 Originalzeichnungen ein Highlight der Ausstellung über den bekannten Maler, Ingenieur, Architekten, Bildhauer, Welterfinder, Visionär und Renaissancemenschen da Vinci – und dokumentiert seinen außergewöhnlichen Sinn für detaillierte Beobachtung.
Erwartungen schafft auch der Ausstellungsort selbst: die mit 167 m Länge, 108 m Breite und 90 m Höhe fünftgrößte Basilika der Welt. Belgiens expansionsbesessener König Leopold II. ließ 1905 den Grundstein legen und eiferte mit ihrem Bau der Pariser Kirche Sacré Coeur nach, ja wollte deren Pracht und Größe noch übertreffen. Finanzielle Engpässe führten mehr-fach zum Baustopp, 1959 wurde der noch unvollendete Bau geweiht und 1969 dann fertiggestellt. Das Ergebnis ist eine Mischung verschiedener Stilelemente und großzügige Art-Déco-Dekorationen. Wer selbst in die Höhe strebt, kann die Gelegenheit ergreifen und sich zunächst hinauf zur 53 m hohen Kup-pel begeben, um den Panoramablick über die belgische Metropole zu ge-nießen. In der Ausstellung ist von räumlicher Höhe und Weite unter der monumentalen Kuppel jedoch wenig zu spüren, denn die Exponate sind größtenteils in engen und abgedunkelten kubischen Konstruktionen untergebracht.


Der Mensch, der Künstler, der Ingenieur und der Humanist

Vier Themenschwerpunkte prägen die 3.000 m² große Ausstellung: der Mensch, der Künstler, der Ingenieur, der Humanist. Exponate und assoziative Videos bringen dem Besucher umfassend Lebensgeschichte, Werk und die zahlreichen Facetten des Universalgenies nahe: Leonardo interessierte sich für alles, brach mit Konventionen, sezierte trotz Autopsieverbots heimlich Leichen und schuf z. B. mit der Mona Lisa eines der bis heute international bekanntesten Gemälde. Viele Gemälde Leonardos kann man in dieser Ausstellung zwar nicht im Original betrachten, dafür aber seine Spiegelschrift, die der Meister von rechts nach links mit hoher Geschwindigkeit zu Papier brachte. Auf diese Art hielt er seine Erfindungen, Gedanken und Visionen fest – wohl damit sie nicht so leicht zu entschlüsseln und auszuspionieren waren und damit dem Linkshänder, der er bekanntlich war, die Tinte nicht verwischte.

Ein ganz besonderer Teil der Ausstellung sind die 45 nachgebauten, maßstabsgetreuen Maschinen, die Leonardo erfand. Aufgrund seiner Zeichnungen – z. B. eines automatischen Wagens, Fallschirms, Segelflugzeugs, Helikopters, fliegenden Flügels, Baggers, Seglers und einer Schwebebrücke – wurden erst im 19. Jh. Modelle nachgebaut. Sie stammen z. T. aus Florenz, Rom, Mailand und Amboise. Das Automobil ist das Abschlussprojekt des Heidenheimer Waldorfschülers Tillmann Gmelin, der alles vom Getriebe bis zur Bremse selbst gesägt hat und heute Luftfahrttechnik studiert. Die Modelle kann man von allen Seiten betrachten und dabei über den Visionär Leonardo staunen, der sich mit Fluggeräten, Hydraulik, Wasserkraft und dem Bau von militärischen Waffen und Verteidigungsanlagen beschäftigte. Bewegen lassen sie sich jedoch leider nicht.
Der Mensch Leonardo erblickte am 15. April 1452 in dem toskanischen Dorf Vinci das Licht der Welt. Als unehelicher Sohn wuchs er bei seinem Vater, einem Notar, auf. Seine künstlerische Laufbahn begann vielversprechend: in der Florenzer Werkstatt von Andrea della Verrochio. Hier lernte er zusammen mit Lorenzo di Credi, Sandro Botticelli, Pietro Perugino, dem späteren Lehrer Raffaels. In Mailand wurde er von Ludovic Sforza beauftragt, eine Pferdestatue seines Vaters Francesco zu realisieren.
Doch sein Leben verlief nicht ohne Turbulenzen: Sein Konkurrent Michelangelo bekam vom Vatikan den Auftrag für die Gestaltung der Sixtinischen Kapelle und machte Leonardo schwer zu schaffen. Mit seiner Neigung zur Homosexualität entging er nur knapp einer gerichtlichen Verurteilung. Er ließ sich daraufhin auf Reisen inspirieren und ging nach Frankreich, wo er auch die letzte Periode seines Lebens unter dem Schutz des Königs Franz I. im Château du Clos Lucé verbrachte und 1519 starb.


Androgyne Wesen und Leonardos verlorene Werke

Drei Jahre zuvor malte er das einzige erhaltene Selbstporträt, das die Bibliothek von Turin ebenfalls für die Brüsseler Ausstellung zur Verfügung stellte. Erstaunlicherweise gibt es kein anderes Dokument, das der Nachwelt mit Sicherheit überliefert, wie Leonardo aussah. In seinen Werken verschwimmen manchmal die Grenzen zwischen Mann und Frau ins Androgyne. So entstand die These, die Figur Johannes des Evangelisten im »Letzten Abendmahl« trage die Züge Maria Magdalenas.

Das »Letzte Abendmahl«, das man in dieser Ausstellung als Kopie betrachten kann, ist eine Nachbildung (Dimensionen 8 m x 4 m, ähnlich des Freskos aus Mailand) einer äußerst seltenen Replik der damaligen Zeit. Sie ist in der Abtei von Tongerlo untergebracht und aus Sicherheitsgründen nicht nach Brüssel transportiert worden. Zu Lebzeiten Leonardos wurde sie von einem seiner Lehrlinge gemalt und von Leonardo auf der Grundlage der beschädigten Freske aus dem Speisesaal des Klosters von Mailand konzipiert.

Für die Organisatoren der Ausstellung hilfreich war der Kontakt zu einem der international bekanntesten da Vinci-Spezialisten, Prof. Carlo Pedretti aus Bologna, der Direktor des Zentrums »Armand Hammer« in Los Angeles. Er widmet sich u. a. der Thematik verloren gegangener Werke und versucht das Geheimnis um ein Bild über Maria Magdalena zu lüften, das um 1515 von Leonardo und einem Schüler gemalt worden sein soll und vor einem Jahrhundert in einer Privatsammlung wiedergefunden wurde. Erst ein Mal war dieser Akt für die Öffentlichkeit zu sehen, im Jahr 2005 in einer Ausstellung in Ancona: Eine hübsche junge Frau (Maria Magdalena?) in einer geöffneten roten Robe zieht auf diesem Bild einen Schleier über ihren nackten Bauch nach oben. Pedretti konnte nachweisen, dass das Bild nachträglich verändert und übermalt wurde und hält es für ein Werk Leonardo da Vincis und seiner Schüler. Ungeklärt bleibt auch, ob das Bild nicht Magdalena, sondern Lucrezia Romana darstellt. Jedenfalls handelt es sich um einen besonders interessanten Fall, und Enthusiasten spekulieren bereits jetzt, Maria Magdalena könne noch berühmter werden als Mona Lisa, wenn sich die Thesen der Experten zu den Bildern, in denen sie auftaucht, endgültig verifizieren lassen.


Das Geheimnis der »Felsengrottenmadonna«

Ähnlich spannend und rätselhaft ist die Geschichte der »Felsengrottenmadonna«. Neben der ersten Version von 1483 im Pariser Louvre und der zweiten von 1503 in der Londoner Nationalgalerie stammt das in Brüssel ausgestellte Gemälde – ebenfalls ein Original? – aus einer Schweizer Privatsammlung. Thema ist die unbefleckte Empfängnis der Maria, die schon von ihrer Mutter Anna unbefleckt empfangen worden sein soll. Den Auftrag zur ersten Version (1483 und 1486) gab die Bruderschaft der Unbefleckten Empfängnis in der Mailänder Kirche San Francesco. Doch die Auftraggeber akzeptierten den Bildentwurf der Madonna mit dem Knaben Johannes dem Täufer und dem Jesuskind in der kahlen Felsengrotte nicht, denn den Figuren fehlten ihrer Ansicht nach die Heiligenscheine. Leonardo behielt das Bild, und es hängt heute im Louvre.

Zwischen 1493 und 1508 entstand die zweite Fassung, vollendet von Leonardos Schüler Ambrogio de Predis. Auf diesem Bild haben die Figuren Heiligenscheine. Weitere Unterschiede: Die Figuren weisen mit ihren Händen bzw. deuten mit ihren Fingern nicht in dieselben Richtungen und die Jesusfigur ist älter und hat eine ganz andere Aura. Die dritte Version ist in dieser Ausstellung zu sehen. Es ist auf jeden Fall spannend, die Details auf diesem Bild genau zu studieren, denn sie zeugen von der Symbolik des Auftragsmalers Leonardo, der je nach Wunsch ein Detail wie einen Heiligenschein hinzufügte oder wieder übermalte. Ob sich daraus ableiten lässt, dass es sich bei diesem Bild um ein Original handelt, bleibt allerdings ein Rätsel.


Weitere Informationen:

Unter www.expo-davinci.eu
tägl. 10-19 Uhr. Mi: bis 22 Uhr, Sa: 12.30-19 Uhr,
Eintritt: 10 €, ermäßigt: 8,50 €, Audiotour: 2,50 €

Allgemeine Informationen www.belgien-tourismus.de

Anreise: www.thalys.com

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