Reportage

Koproduktionen alter Meister.

Vier Ausstellungen zu Rubens

Herbst ist die Zeit der Citytrips. So erstaunt es nicht, dass sich unsere Brüssel-Autorin Petra Sparrer (1. Auflage 2006) in »ihrer« Stadt und in Antwerpen umgesehen und vier einzigartige Ausstellungen zu Peter Paul Rubens erkundet hat. So zeigt z. B. das Musée des Beaux Arts in Brüssel 50 Werke des flämischen Malergenies aus eigenem Bestand und 70 Leihgaben aus internationalen Museen. Das Spannende daran: Die Ergebnisse eines bisher unveröffentlichten Forschungsprojekts beleuchten die Entstehungsgeschichte der bekannten Kunstwerke.


»Rubens war bereits 35 Jahre alt, als er ein ganz großer Meister wurde und seine Virtuosität in vollem Unfang entwickelte«, sagt Jost van der Auwera, Rubens-Forscher und einer der drei Kuratoren der Ausstellung »Rubens – ein Genie bei der Arbeit«. So stammen die Ölskizzen, Gemälde und Altarbilder nicht ohne Grund aus Rubens kreativster und produktivster Schaffensperiode zwischen 1614 und 1640. Der Malerfürst des Barock, wichtigster Vertreter der flämischen Malerei und Zeitgenosse großer Künstler wie Caravaggio, Velázquez und Rembrandt, betrieb in dieser Zeit seine Werkstatt in der Antwerpener Wapperstraße als florierendes Wirtschaftsunternehmen, das häufig mit anderen Größen der flämischen Malerei zusammen arbeitete und Aufträge an fremde Ateliers vergab.


Rubens malte nicht alle seine Bilder allein

Von den 3000 Werken, die aus Rubens Atelier stammen sollen, können nur ca. 600 Rubens persönlich zugeschrieben werden. Der Großmeister arbeitete mit zahlreichen Schülern und Kollegen, darunter so illustren wie Jan Bruegel dem Älteren (ca. 30 Werke entstanden gemeinsam), Anthonis van Dyck und Cornelis de Vos. Je nach Sujet suchte er sich die passenden Experten unter den Kollegen – z. B. Landschaftsmaler, Tiermaler – oder griff eben auf den »Blumenbrueghel« zurück. »Kunstgeschichtliche und materialtechnische Analysen unseres Forschungsprojekts ergaben für einige Bilder en détail, welche Bildelemente von Künstlerkollegen und Mitarbeitern stammen und mit welchen Pinselstrichen Rubens das Bild anschließend finalisierte«, erklärt Jost van Auwera.
So entdeckten die Forscher z. B., dass Rubens nicht einmal das Porträt der 16-jährigen Hélène Fourment ganz allein gemalt hatte, die er als 53-Jähriger in zweiter Ehe heiratete. Je mehr Aufträge er hatte, desto häufiger gab der Meister Anweisungen für Bildteile, die er nicht selbst malte. Er definierte, an welchen Stellen und in welcher Intensität Rot, Gelb oder sein charakteristisches Lapislazuli aufgetragen werden sollten und übermalte und korrigierte mit seinem einzigartig virtuosem Pinselstrich, was andere gemalt hatten, sobald er selbst oder seine Auftraggeber nicht komplett zufrieden waren. Wie sehr sich der Meister einmischte, so fanden die Forscher heraus, hing auch von der mit dem Auftraggeber vereinbarten Bildqualität ab. Auwera: »Je nach Qualität, Berühmtheit und Können des Mitarbeiters gab es in Rubens Atelier fünf unterschiedliche Preiskategorien.« Eine Kopie kostete ein Zwanzigstel des Originals und bei einem Altarbild war in der Regel ohnehin der Marmorrahmen zehnmal teuer als das Gemälde.


Inspiration von Künstlerkollegen

Nicht zuletzt um die Zusammenarbeit mit Künstlerkollegen und das künstlerische und soziale Umfeld für Rubens Werk zu verdeutlichen, integriert die Ausstellung Leihgaben aus anderen Museen, u. a. so berühmten wie dem Madrider Prado, dem Pariser Louvre und dem New Yorker Metropolitan. So ist ein Porträt des Arztes, Wissenschaftlers und Alchimisten Paracelsus aus der Sammlung des Museums erstmals seit 54 Jahren wieder zusammen mit einem Paracelsus-Porträt aus dem Louvre zu sehen. Darauf ist Jost van der Auwera mit Recht stolz: »Der Vergleich zeigt uns: Rubens machte aus einer linearen Kopie ein lebendiges Bild mit tiefem Hintergrund und Lichteffekten aus Lapislazuli«.
Das Porträt der Hélène Fourment gehört zu den fünf Werken, die extra für die Ausstellung restauriert wurden. Die weiteren sind »Krönung Mariä«, »Christus und die Ehebrecherin«, »Maria mit dem Immergrün« und »Triumph des Glaubens«. Die Restaurierung des Altarbildes »Die Krönung von Maria« kann man während der Ausstellung live miterleben. Ein Highlight der Ausstellung ist der große, renovierte Rubenssaal des Museums. Hier werden die eindrucksvollen großformatigen Altarbilder zusammen mit ihren Skizzen und Vorstudien gezeigt.


Auftragsmaler für die Höfe des damaligen Europa

Als Hofmaler und Diplomat wurde Rubens immer berühmter, bekam immer mehr größere Aufträge. Aus Kapazitätsgründen entstanden schließlich manche seiner Auftragsarbeiten vollständig extern in den Werkstätten von Malerkollegen. Er nahm nur noch das Endergebnis ab, stellte sich aber dennoch stets einfühlsam auf die genauen Wünsche seiner illustren Kunden ein. In der Ausstellung lässt sich anhand der Größenverhältnisse von umgekehrter Skizze, Modell und Endprodukt z. B. auch wunderbar die Entstehung eines Wandteppichs für die Erzherzogin Isabella nachvollziehen.
Rubens war zwar Hofmaler des Brüsseler Statthalterpaars Albrecht und Isabella, durfte seine Werkstatt aber trotzdem in Antwerpen einrichten. Seit 1620 diente er den Habsburgern auch als Diplomat, vermittelte zwischen Spanien und England und versuchte in geheimer Mission, die außenpolitischen Absichten der französischen Regentin Maria von Medici auszukundschaften. Anfang 1630 konzipierte Rubens neun Deckengemälde für den Thronsaal des Londoner Palasts Whitehall (des berühmten Architekten Inigo Jones). Sie sind als einzige Werke Rubens in ihrer ursprünglichen Umgebung erhalten. Danach zog sich der Künstler auf sein Jagdschloss in der Nähe von Antwerpen zurück und starb im Mai 1640. Zu seinen letzten Baustellen zählte 1636 bis 1638 die Dekoration des Torre de la Parrada, eines Jagdpavillons Philipps IV. von Spanien in der Nähe von Madrid. Der Auftrag umfasste ca. 60 mythologische Gemälde, die heute größtenteils im Besitz des Prado sind.


Ein Abstecher nach Antwerpen

Nach einer so facettenreichen Ausstellung über Rubens Arbeitsweise lohnt ein Besuch seiner Wahlheimat Antwerpen an der Schelde. Rubens kaufte im Jahr 1610 ein Anwesen am damaligen Kanal Wapper. Hier wohnte er fortan mit seiner Familie, empfing hohe Gäste und Klienten und betrieb sein Atelier. Heute zeigt das frisch restaurierte Museum mit jährlich rund 170.000 Besuchern ca. zehn Werke von Rubens, darunter sein berühmtes Selbstporträt. Zu sehen sind auch Werke großer Künstlerkollegen, z. B. von Snyders oder Jordaens sowie Kunst- und Gebrauchsgegenstände aus Rubens Privatsammlung und seiner Zeit. Die Wände wurden so gestrichen, dass sie zur Leucht- und Strahlkraft der Werke des Meisters passen.
Zehn Gehminuten entfernt liegt das Rockoxhuis des Rubensfreunds und Bürgermeisters von Antwerpen Nicolaas Rockox. Über dem großen Kamin im Empfangszimmer hängt ab dem 16. November wieder Rubens Gemälde »Samson und Delila«, als Leihgabe der Londoner Nationalgalerie zur Feier des 30. Gründungsjubiläums des Museums Rockoxhuis. Zu sehen sind hier auch weitere Werke aus der Sammlung von Rockox, darunter das »Kunstkabinett des Nicolaas Rockox« von Frans Francken. Wie eng die Rubens und Rockox befreundet waren, beweisen Ölskizzen, die Rubens u. a. auf Bitte von Rockox schuf, darunter die Vorstudien für die Anbetung der Könige und die Kreuzabnahme. Und auch hier können Betrachter wieder den Eindruck gewinnen, sie blickten dem Meister bei der Arbeit über die Schulter.
Auch das Koninklijk Museum voor Schone Kunsten in Antwerpen hat mit Unterstützung der US-amerikanischen Getty Foundation ein umfangreiches Forschungsprojekt gestartet. Nach und nach werden alle Rubenswerke aus dem Besitz des Museums analysiert (und einige restauriert). Begleitend finden dokumentarische Ausstellungen statt. Zuerst kann man sich über die Restaurierung des »Verlorenen Sohns« informieren und erfahren, wie der Maler sein Gemälde eigentlich gemeint hat, bevor es unter dicken Firnisschichten verschwand. Die Ausstellung dazu heißt »Rubens durchleuchtet« und beginnt am 1. Dezember.


Informationen:

Website: www.flandern.com, www.belgien-tourismus.de


Anreise: www.thalys.com


Zur Ausstellung in Brüssel

»Rubens – ein Genie bei der Arbeit«: 14. September 2007 bis 27. Januar 2008, Di-So, 10-17 Uhr, Eintritt 9 €, ermäßigt 6,50 €, Kinder bis 12 Jahre in Begleitung eines Erwachsenen gratis, www.fine-arts-museum.be, Musée des Beaux-Arts, Rue de la Régence 3.


Zu den Ausstellungen in Antwerpen

Restyling Rubenshuis, permanente Ausstellung, RUBENSHUIS
Wapper 9-11, www.rubenshuis.be, Di-So 10-17 Uhr.

Rubens in situ, 16. November 2007 bis 10. Februar 2008, ROCKOXHUIS
Keizerstraat 10-12, www.rockoxhuis.be, Di-So 10-17 Uhr.

Rubens durchleuchtet, 1. Dezember bis 3. Februar 2008, KONINKLIJK MUSEUM VOOR SCHONE KUNSTEN, Leopold De Waelplaats, www.kmska.be, Di-Sa 10-17 Uhr, So bis 18 Uhr.

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