Reportage

12.000 Kilometer Tradition.

Wandern in der Pfalz

Stefanie und Ansgar Schmitz-Veltin haben ihren Erstling veröffentlicht: das MM-Buch »Pfalz« (1. Auflage 2008). In ihrer Online-Reportage geht es um eine beliebte Freizeitmöglichkeit im größten zusammenhängenden Mischwaldgebiet von Deutschland: dem Wandern, das vor allem im Pfälzerwald alles andere als verstaubt daherkommt. Ein eigener Verein kümmert sich um tausende Kilometer, die extra für Aktivurlauber angelegt und gepflegt werden. Und auch der Weinkenner darf sich freuen: mit ihren 23.000 Hektar beherbergt die Pfalz das zweitgrößte Rebenanbaugebiet der Republik.


Manchmal warten die ersten Wanderer bereits, wenn sich die Türe des Hohe-Loog-Hauses sonntags um 9.30 Uhr öffnet. Früh am Morgen haben sie sich auf den Weg gemacht, zu einer der beliebtesten Hütten im Pfälzerwald. Noch ein wenig früher begann der Tag für die Frauen und Männer des Pfälzerwald-Vereins in Hambach, die sich mittwochs und an Wochenenden um die Wanderer und Mountainbiker kümmern, die aus den umliegenden Dörfern entlang der Deutschen Weinstraße ihren Weg hinauf zum Hohe-Loog-Haus finden. Die einfachste Route führt vom Wanderparkplatz »Hahnenschritt« durch den lichten Wald in nur 30 Minuten, gemächlich ansteigend, hierher. Familien mit Kindern gehen ihn ebenso wie erfahrene Wandersleute und junge Paare. Oben angekommen, eint sie der Wunsch nach einem kühlen Getränk und herzhaften Speisen.


100 ehrenamtlich betriebene Hütten: der Pfälzerwald-Verein

Anfang des 20. Jahrhundert wurde der Verein gegründet, der bis heute rund 100 Hütten und viele tausend Kilometer markierte Wanderwege in der Region betreut: der Pfälzerwald-Verein. Die meist einfachen Häuser haben, wie das Hohe-Loog-Haus, am Wochenende und mittwochs, dem klassischen Wandertag in der Pfalz, geöffnet. Betrieben werden sie von einer Ortsgruppe des Vereins, deren Mitglieder sich zum »Hüttendienst« ehrenamtlich zur Verfügung stellen. Oft sind es ältere Damen und Herren, für die das Wochenende auf der Hütte zu einem festen Bestandteil des Lebens geworden ist und für die das Wanden in den heimischen Wäldern von Kindheit an dazugehört. Denn seit knapp einem Jahrhundert haben Wanderer ihren festen Platz im Pfälzerwald. Seine duftenden Kiefernhänge, die weiten Blicke über die flache Rheinebene und die das milde Klima schätzenden Kastanien – einst wie der Wein von den Römern hierher gebracht – machen ihn zu einem beliebten Ziel- und Ausgangspunkt für kürzere und längere Touren.
Im Gegensatz zu anderen Mittelgebirgslandschaften Deutschlands wirkt die Wandertradition in der Pfalz keineswegs verstaubt: Gruppen Jugendlicher, Familien und Rentner begegnen sich völlig selbstverständlich auf den schmalen, meist exzellent gekennzeichneten Pfaden. Um die Zukunft seiner Gäste muss sich der Pfälzerwald-Verein sobald keine Sorgen machen, auch im größten zusammenhängenden Mischwaldgebiet Deutschlands ist die seit Mitte der 1990er Jahre festzustellende Wiederentdeckung des Wanderns angekommen. Probleme bereitet dem traditionsreichen Verein eher der Schwund seiner Mitglieder. Immerhin 12.000 Kilometer Wanderwege werden von diesen betreut; schon bald soll ein Premiumweg mit dem Siegel des deutschen Wanderinstituts als Streckenwanderung angeboten werden. Hütten, Markierungsarbeiten und Wegpflege benötigen Geld und viel ehrenamtliches Engagement.


Endlose Anbauflächen entlang der Weinstraße und die höchst gelegene Rebe der Pfalz

Von den Sorgen des Vereins merken die Besucher auf dem Hohe-Loog-Haus wenig. Gut gelaunt, durstig und hungrig kommen sie an schönen Wochenenden scharenweise hierher. Leberknödel mit Sauerkraut gehören zu den Klassikern der Küche. Viele der Hütten sind bekannt für ihre deftige Hausmannskost zu ehrlichen Preisen: Weißer Käse, Bratwürste und Erbsensuppe. In gewaltigen Mengen gehen die Teller während der Mittagszeit über den etwas angestaubten hölzernen Tresen. Neben Herzhaftem gehört auch Kuchen zum Repertoire: Nicht selten wird er von den engagierten Mitgliedern selbst gebacken. Hausgemachter Bienenstich ist hier wirklich hausgemacht, er schmeckt authentisch, gut und ist reichhaltig, wie einst bei Großmutter. Und so stören sich auch nur wenige daran, wenn er mal etwas dunkel oder unförmig geraten ist.
Getrunken wird in der einfachen, dunklen Gaststube oder draußen auf der Terrasse im Halbschatten vor allem eines: Wein, in einen halben Liter fassenden Schoppengläsern. Diese sind typisch für die Gegend, in der man über die kleinen Gläser in anderen Weinregionen gerne spottet. Woher der Rebensaft kommt, der hier oben, meist in Form von Schorlen, mit Vorliebe getrunken wird? Der herrliche Blick von der Terrasse verrät es: Zu Füßen liegen einem die endlos erscheinenden Rebflächen entlang der Weinstraße.
Mit ihren 23.000 Hektar ist die Pfalz das zweitgrößte Weinanbaugebiet Deutschlands, tausende Winzer produzieren teils einfache, teils qualitätsvolle, mineralische Weine. Oben im Hohe-Loog-Haus gibt es eine kleine Auswahl davon. Wer nach seinem Ausflug der breiten Palette des Pfälzer Weinangebots begegnen will, der findet unten im Tal, in Neustadt oder Maikammer, zahlreiche Möglichkeiten. Um die Reben aus der Nähe zu betrachten, muss man aber nicht warten, bis man wieder im Tal ist. Entlang der sandsteinernen Hauswand wächst eine betagte Weinpflanze, die ihren Teil zum einladenden Charakter der Hütte beiträgt. Sie gilt als die höchstgelegene Weinrebe der Pfalz und beschert dem Hohe-Loog-Haus damit einen Rekord, den es eigentlich gar nicht bräuchte, um die Wanderer für sich einzunehmen. Einen anderen Superlativ erblickt man wenige Kilometer weiter südlich. Das ebenfalls dem Pfälzerwald-Verein gehörende Kalmithaus gilt mit seinen 673 Metern Höhe als die höchstgelegene Einkehrmöglichkeit des Pfälzerwalds. Von der Hohen Loog aus ist es in ca. 80 Minuten über den »Hahnenschritt« zu erwandern.


Kein Wanderer, kein Mountainbiker wird hungrig heimgeschickt

Ab Mittag kennt die Theke des Hohe-Loog-Hauses keine Pause mehr. An schönen Tagen sitzen die Gäste auf der großen Terrasse oder oberhalb des Hauses beim kleinen Waldspielplatz. Sie alle kommen an die Theke in der niedrigen Stube, um Speis und Trank zu ordern. Denn Bedienungen kennt diese Art der Gastronomie nicht. Am Tresen wird bestellt, gezahlt und das Georderte gleich mitgenommen. Auf großen Tabletts werden die üppigen Portionen zum Tisch getragen und nach dem Essen die leeren Teller zurückgebracht. An schönen Tagen muss man schon Zeit mitbringen, zu gewaltig ist der Andrang. Hin und wieder kommt es auch vor, dass schon am Nachmittag einige Speisen aus sind. Die Leute vom Hüttendienst sind darum bemüht, keinen Mountainbiker und Wanderer hungrig nach Hause zu schicken, aber nicht immer bekommt jeder das, was er sich wünscht.
Um 18 Uhr schließt das Haus, die letzten Gäste machen sich auf den Weg ins Tal. Bisweilen bleiben sie vor dem Abstieg noch einmal am Zaun vor dem Abhang stehen, betrachten das in die Abendsonne getauchte Rebenmeer mit den vielen daraus auftauchenden Häusern und Kirchtürmen. An klaren Tagen erkennt man auf der anderen Seite der Oberrheinebene die nördlichen Ausläufer des Schwarzwalds. In der Küche werden die Spuren des Tages beseitigt, vergessene Gläser eingesammelt, es wird geputzt und zusammengeräumt. Bis die nächsten durstigen Mountainbiker und hungrigen Wanderer hinaufkommen, versinkt die Hütte in einen kurzen Schlummer.

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