Reportage

Amazonisches Armageddon -

Auf dem Wasserwege von Ecuador nach Peru - Impressionen einer liquiden Fotosafari

Volker Feser ist unser Mann in Südamerika. Ein viel beachtetes Buch über Ecuador (4. Auflage 2007) hat er bereits verfasst. Für die Juni-Ausgabe des Newsletters trieb es den leidenschaftlichen Schreiber auf einem schwimmenden Verkehrsmittel nach Peru, wo er sich auf die Spuren von Kinski begeben hat und dem Charme des Morbiden komplett erlag. In intensiven Bildern erzählt er von seinem Trip.


Die unermesslichen Regenwälder um die peruanische Stadt Iquitos waren schon zu Kolonialzeiten ein begehrter Zankapfel zwischen der »Noblen Audienz von Quito« und dem »Vizekönigreich von Lima«, bevor der südliche Nachbar die wasser- und rohstoffreichen Gebiete 1942 dann endgültig für sich annektierte. Unumstritten ist zumindest auf beiden Seiten der Grenze, dass der erste Südamerika-Durchquerer, der spanische Eroberer Francisco de Orellana, von Quito aus nach »Eldorado« aufbrach, dem goldenen Schlaraffenlande östlich der Anden. Im Zuge seiner Expedition gelangte er am 12. Februar 1542 auch an einen riesigen Strom, den er bereits für das rettende Meer hielt. Es war die Mündung des Napo in den sagenhaften Río Amazonas, etwa 80 km vom heutigen Iquitos.
Auf gleichem Wege tuckern wir auf unserem historischen Trip den Río Napo flussabwärts, auf dem ersten Passagierschiff unter ecuadorianischer Flagge, weit hinein ins frühere »Feindesland«. Alle paar Minuten lässt unser Kapitän euphorisch das Horn ertönen. An den Ufern strömen derweil ganze Dörfer zusammen, winken, rufen und staunen – nicht nur die indianischen Bewohner. Wir sind das Ereignis! In Santa María de los Secoyas stehen die Leute barfüßig Schlange, um an Bord zu dürfen. Meine Geschenke für die notleidenden, wenn auch meist aus vollem Halse lachenden Volksstämme des »Oriente«, gleich kartonweise aus der gutbestückten Lebensmittelabteilung eines ecuadorianischen Supermarktes mitgeschleppt, reichen jedoch nicht mal für Mütter mit Kleinkindern aus. In einer peruanischen Militärgarnison an der Mündung des Curaray behütet ein martialisch getarntes Kontingent aus waffenstarrenden Grünschnäbeln unser Schiff, während wir sie alle mit Erinnerungsfotos totschießen und Henkel Trocken mit Herrn Leutnant schlürfen: »Bienvenidos Hermanos Ecuatorianos!« – »Willkommen meine ecuadorianischen Brüder und Schwestern!«


Die größte Stadt der Welt ohne Straßenzugang

Die größte Stadt der Welt ohne Straßenzugang
Die größte Stadt der Welt ohne Straßenzugang

Am 8. Tag docken wir schließlich in Fitzcarraldos delphischer Opernstadt an, in einem (über)natürlichen Hafenbecken voller korrodierter Kähne, welche halbversunken aus einem gigantischen schwimmenden Teppich von Wasserhyazinthen herausragen. Pinkfarbene Flussdelfine tauchen wiederholt zur Begrüßung auf. Die über 3 m langen »bufeos« sind noch relativ zahlreich vertreten, wenn auch leider nur sehr schwer zu fotografieren. Aufgrund einer Legende werden sie gottlob aus Aberglaube nicht gejagt. Quicklebendige Dschungeltiere sind ansonsten eher die Ausnahme. Rote und Blaue Ara-Papageien überfliegen jedoch hin und wieder laut krächzend die immer breiter werdenden Flussläufe, während gegrillte Kaimanschwänze, zähester Tapirbraten oder süßliche Affensteaks einen ziemlich bitteren Nachgeschmack hinterlassen.
Gut zumindest, dass niemand unseren schmucken Dampfer über einen Berg ziehen musste! An der Uferpromenade von Iquitos ist nämlich abends der Affe los, da will jeder dabei sein. Sehen und gesehen, lächeln und belächelt werden, bei frischer Brise vom Fluss, bei eisgeschlagenem Pisco Sour und frostklirrendem Cuzqueña, dem besten Bier Perus. Meine entblößten Füße sind weit unter das wackelige Tischchen gestreckt, auf bacherlwarmen 106 Höhenmetern, live zugegen in der Talsohle aller Tropen dieser Erde! Von Kinski oder Caruso jedoch nicht die geringste Spur, lediglich Mick Jagger transpiriert aus den Boxen im altbackenen »Café Fitzcarraldo«, gut besucht zu später Stunde. Unter den Flanierenden befinden sich einheimische Liebespaare, ausländische Hippies, braungebrannte Bauchladenverkäufer mit überquillenden Bonbonsortimenten, einige abtrünnige Passagiere der gerade vor Anker liegenden »Bremen« – und eine mehrere Meter lange Boa constrictor, netterweise beaufsichtigt. Äußerst fotogene »Amazonen« offerieren indessen bügelfreie Baumrindenröckchen, messerscharfe Piraña-Prothesen, Eckzahn-Amulette längst ermordeter Raubkatzen, sowie potenzsteigernde Elixiere aus exotischen Wurzelextrakten und griffige Dschungeldildos aus Naturmaterialien, in Handarbeit gefertigt! Irgendwie mag ich sie ja auf Anhieb, diese größte Stadt der Welt ohne Straßenzugang.


Ein sanft dahindriftender Mikrokosmos

Wer die Kanäle von Belén (»Bethlehem«), das einwohnerstärkste Viertel von Iquitos, vom Kanu aus betrachtet, mag entweder seinen Augen nicht trauen, oder in Tränen ausbrechen. »Jeder Shot sitzt auf einem herrlich maroden Motiv« würde ein unverfrorener Fotograf behaupten. Unser pausenloses Geknipse wird vom nassen Elend seiner Bewohner jedoch kaum getadelt, ein »Hola Mister« ist das höchste der Gefühle. Digitaler Sexismus wird dort gelassen zur Kenntnis genommen, wo selbst die bierseligen Freudenmädchen ihre vorsintflutlichen Dienste in den Bäuchen wackliger Einbäume anbieten, während der Fuhrmann stur nach vorne schaut, und aus den Floß-Spelunken basslastiger Reggaeton zu uns herüberschwappt. Dabei trägt das »arme Venedig« seinen Namen zurecht. Es lebt und überlebt auf geradezu wundersame Weise, inmitten tausender, in der schweißtreibenden Brühe verankerter Hütten, Katen und Bretterbuden. Auf dem blättrigen Rost der Wellblechdächer sitzen pechschwarze Geier, dazwischen hängt die bunte Wäsche, wird Geschirr gespült, werden Zähne geputzt, Babys gebadet, wird geangelt, gepaddelt, gehandelt, gehämmert, Gras geraucht, und vor allem die Notdurft verrichtet. Hier ergießt sich der »Lokus« des Río Amazonas, ein sanft dahindriftender, Ehrfurcht einflößender Mikrokosmos aus Moder, Moskitos und gewitterschwülem Müßigang, ein wenn auch nicht gerade uncharmantes amazonisches Armageddon, noch ganze 3.360 Kilometer von seiner Atlantikmündung entfernt.


»Zeig mir doch bitte noch andere Sehenswürdigkeiten!«

Mototaxis vor dem »Pariser Eisenhaus«
Mototaxis vor dem »Pariser Eisenhaus«

»Das allein war die Reise schon wert!« sagte ich, wieder festen Boden unter den Füßen, zu meiner langbeinigen Rikscha-Chauffeurin, während sie mit der einen Hand den Lenker fest im Griff, und mit der anderen genüsslich eine zerquetschte Orange leer saugt! »Wie gefällt dir Iquitos?« Wir knattern gerade hupend an der von Gustave Eiffel konstruierten »Casa de Hierro«, dem »Pariser Eisenhaus« aus der Ära des Kautschukbooms vorbei, in einem von über 14.000 dreirädrigen Mototaxis. Bei rund 700.000 Einwohnern kommt somit jeder 50. auf eine dreisitzige Rikscha, Gepäck inklusive, Fahrpreis unter einem Dollar, ganz egal wohin. »Ich bin total begeistert!« Das war keineswegs geschmeichelt. Ihre bromelienrote Haarschleife flatterte im heißen Fahrtwind wie eine magisch keimende Topfblume in einem wild wuchernden Treibhaus aus herunterbröckelndem Verputz.
Vergeblich suche ich eine frische Memory Card. Es gibt einfach zuviele unlöschbare, verlockend ungeschönte Motive. Zu guter Letzt stoppen wir vor einer schimmelgrünen Vitrine voller Drähte, Schrauben und Macheten. Ich gebe erleichtert auf. Für gewisse Momentaufnahmen des Lebens bedarf es keiner freien Speicherplätze mehr. »Vamonos no mas, zeig' mir doch bitte noch andere Sehenswürdigkeiten!«

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