Reportage

Die Feier des Namensvetters

oder Die lustigste Wallfahrt meines Lebens

Unsere Autorin Irene Börjes, die z. B. die Bücher zu Madeira, das soeben in neuer Auflage erschienen ist (3. Auflage 2007), und zu La Palma (5. Auflage 2005) verfasst hat, konnte bereits als Schriftstellerin in Erscheinung getreten: mit ihrem Krimi »Tod am Teide«. Für unseren Newsletter geriet sie in die falsche Fiesta, konterte auf die Spottverse der Einheimischen mit hamburgischem Sprechgesang und erzählt nebenbei von den traditionellen Feiergewohnheiten der Canarios und ihrer Heiligen.


Im Sommer ist Fiestazeit. Die Kinder haben Ferien, am Nachmittag wird in den meisten Betrieben nicht gearbeitet, viele Geschäfte bleiben ab 14.00 Uhr geschlossen. Beste Voraussetzungen, um das Siestaschläfchen bis in den frühen Abend auszudehnen – am Nachmittag ist es ohnehin zu warm für eine ernsthafte Beschäftigung. Dann, abends, freut man sich, dem offiziellen Teil einer Fiesta beizuwohnen und, durch ein kräftiges Mahl gestärkt, mit Freunden, Nachbarn oder dem ganzen Dorf bis in die Morgenstunden zu feiern.
Irgendwo ist immer etwas los auf der Insel. Listig, wie sie sind, haben es sämtliche Dorfheilige geschafft, ihren Día del Santo, ihren Namenstag, der der Anlass für die meisten Fiestas ist, zwischen Mitte Mai und Mitte September zu legen. Alle anderen wichtigen, feiernswerten Ereignisse, von der Eroberung der Insel bis zum jüngsten Vulkanausbruch eiferten ihnen mit Erfolg nach. Nicht nur die Dörfer haben einen Schutzpatron unter den Kalenderheiligen, auch die Berufsstände. Die Fischer haben sich für die hl. Carmen entschieden, Namenstag am 16. Juli, die Angestellten des öffentlichen Dienstes für die heilige Rita, Namenstag am 22. Mai. Die Fischer erbitten den Schutz ihrer Patronin mit einer Bootswallfahrt; sie tuckern mit ihren geschmückten Kuttern aufs Meer und versenken Blumengirlanden und andere Gaben, damit die Wohltäterin bei Laune bleibt. Die Angestellten des öffentlichen Dienstes schließen an Ritas Namenstag die Ämter und gedenken ihrer Schutzpatronin in aller Stille in der nächsten Bar.
Für den bescheidenen Rest des Jahres, für die Zeit von Oktober bis April also, bleiben noch genügend nationale oder allgemeine Kirchenereignisse um nicht aus der Übung zu geraten.


Ein Dorf tanzte aus der Reihe des Fiestarhythmus‹

Unser Dorf tanzte lange Zeit aus Reihe der Bauernfeste, denn es ist dem Heiligen Nikolaus gewidmet. 1949 beschlossen höhere, oder genauer gesagt tiefere Mächte, der Tanzerei auf dem Kirchplatz bei unsicherer Wetterlage im Dezember ein Ende zu bereiten. Am 24. Juni, dem Johannistag, riss der Fels oben an der Cumbre und machte Platz für einen Lavastrom, der seither konsequenterweise San Juan heißt. Der San Juan meinte es relativ gut mit San Nicolás: Er ließ die Lava ruhig und gleichmäßig drei Monate im Bogen um das Ortszentrum fließen und begnügte sich mit wenigen Häusern und einigen Weinfeldern in El Cantillo, was in etwa »Die letzte Ecke« heißt. Am Tag der Jungfrau von Fatima, dem 12. September, stellte er seine Arbeit wieder ein. Fatima fiel damit die Rolle der Retterin zu. Ihr wurde ein Altar in den erstarrten Vulkanstrom gesetzt und sie bietet jetzt endlich auch San Nicolás die Gelegenheit – der Heilige Nikolaus wird schon Verständnis haben! –, sich dem allgemeinen Sommerfiestagetümmel anzuschließen.
Als Auswärtige aus dem protestantischem, die Heiligen und ihre Taten unterbewertenden, Norden braucht man so einige Jährchen bis man den Fiestarhythmus mit allen Ausnahmeerscheinungen und Feinheiten im Kopf hat. »Du musst darauf achten, wo abends die Knallkörper hochgehen«, nannte mir Paco, el carpintero, der Schreiner, eine wichtige Faustregel, »da geht ab 24.00 Uhr die Tanzerei los!«. Leider war ich häufig zu ungeduldig, um auf Pacos Rat zu hören.


Die nostalgische Selbstdarstellung der Canarios

Fiesta de Isidro verkündet ein buntes Plakat in Martas Tienda; auch in der Stadt hingen sie in allen Schaufenstern. Für die kommenden zwei Wochen waren an jedem Wochentag Festivitäten angekündigt, beginnend mit der Romería am Samstag.
»Romería« wird im Wörterbuch mit »Wallfahrt« übersetzt. Mit religiöser Pflichtübung hat eine kanarische Romería allerdings herzlich wenig tun. Immerhin gibt es einen Umzug, in dem eine Figur des oder der SchutzpatronIn mitgeführt wird. Was dabei früher nur Begleitung war, ist zur Hauptsache geworden: Aufwändig, mit Themen aus dem bäuerlichem Leben geschmückte Wagen, traditionell Ochsenkarren (inzwischen sind Kleinlaster schon in der Überzahl), Volksmusikgruppen und festlich in Trachten gekleideten Menschen. Besonders ernst geht es bei diesen Wallfahrten auch nicht zu. So eine Romería ist viel eher eine fröhliche, nostalgische Selbstdarstellung der Canarios und ihres ländlichen Lebens mit viel Wein und Gesang. Selbstverständlich war diese Fiesta für mich die Gelegenheit, Freunden aus Düsseldorf, die gerade zu Besuch waren, mein neues pralles, ländliches Leben vorzuführen.
Damit wir nichts versäumten, machten wir uns eine Stunde vor dem angekündigten Beginn auf dem Weg. Es war zwar kein Veranstaltungsort angegeben, aber wo sollte die Romería zu Ehren von San Isidro anders stattfinden als im Dorf San Isidro auf der anderen Inselseite? Wir fuhren also die Cumbre hinauf, durch den damals längsten Tunnel Spaniens und auf der anderen Seite wieder hinunter. Pünktlich um 16.00 Uhr erreichten wir ein wie ausgestorben daliegendes San Isidro.
»Wo sind denn die Leute?« fragte ich in der Bar den Mann hinter den Tresen. Barmänner sind immer die besten Informationsquellen.
»Auf der Fiesta von San Isidro!«, kam zur Antwort.
»Aber hier ist doch San Isidro, wo sind sie denn?«
Dieses Mal antwortete er mit einer unbestimmten Geste in Richtung Westen.
Ich hatte ihn verstanden. Ich kannte mich ja schließlich mit den Fiestagepflogenheiten aus.


Ein Massenpicknick mit 250 Großfamilien und ein Gesang namens Puntas Cubanas

»Hier ist es durchaus Brauch« klärte ich, zurück im Wagen, meine Freunde auf, »dass die Wallfahrt nicht im Dorf beginnt oder endet, sondern an einer Kapelle oder an einem Rastplatz außerhalb. Oben auf dem Grat liegt ein wunderschöner und sehr beliebter Waldrastplatz, von dort wird der Zug sicher hinunterführen. Er nimmt garantiert die alte Straße, die nehmen wir am besten hinauf, dann fahren wir der Wallfahrt entgegen.«
Während mein tapferes Autochen widerwillig die engen Kurven und steilen Serpentinen hinauf kroch, schwelgte ich in den Erinnerungen an die letzte Fiesta der Bajada der Virgen del Pino vor einem Jahr: der Herunterführung der Jungfrau von der Pinie.
»Das Ende der Fiesta bildet, nachdem die Jungfrau von der Pinie wieder in ihre Kapelle gebracht worden war, ein Massenpicknick auf dem Waldrastplatz. Bestimmt 250 Großfamilien von der Oma bis zum Säugling lagerten unter den Bäumen und tafelten. Weil unsere Paarbeziehung – ich war mit H. beim Fest – sofort Mitleid erregte, zog uns eine Gruppe in ihren Kreis, und wir aßen gemeinsam scharf gebratene Leber mit selbst gemachter roter Mojo, einen großen Topf papas arrugadas, salzigen KartöffelchenKartoffelchen, und sprachen dem Bauernwein zu. Zu Glück hatten wir einen ganzen Ziegenkäse im Rucksack, so konnten wir etwas beisteuern.«
»Wir haben aber keinen Käse mitgenommen. Das sieht bestimmt geizig aus«, gab meine Freundin Annette zu bedenken. Der Gedanke, noch einmal zurückzufahren, um einen Käse zu kaufen, wurde aber verworfen, denn es war fast 18.00 Uhr geworden. Unser tapferes Wägelchen schnaufte die letzten Kurven empor, und das Picknick neigte sich bestimmt schon seinem Ende zu.
»Nach dem Essen«, beendete ich meinen Bericht, »versammelten sich alle vor der Waldbühne und es folgte so eine Art Jekami: ein Gesang für alle. Der Jekami hat Tradition, kommt aus Cuba und wird ›Puntas Cubanas‹ genannt. Einer greift sich eine Gitarre und singt einen Spottvers auf einen der Anwesenden, zum Beispiel auf seinen Nachbarn. Der springt auf die Bühne, singt eine Replik und setzt noch einen obendrauf, etwa einen Vers auf den Lehrer. Alle lachen, dann muss natürlich der Lehrer auf die Bühne und spontan etwas auf den Nachbarn und dann auf den pfennigfuchserischen Apotheker singen undsoweiter undsofort. Alle hatten wir einen Heidenspaß.«


Spottverse auf den Gastgeber und Romanzen über La Palma

Kurz darauf bogen wir auf den schattigen, ruhigen Waldrastplatz ein. Keine Großfamilien, kein Picknick, keine geschmückten Wallfahrtswagen.
»Wo können die nur sein?«, wunderte ich mich.
»Dort hinten sind ja noch welche!« Annette hatte eine Gruppe entdeckt, die sich um einen Grillplatz scharrte.
»Hola, buenas tardes, aquí esta la Fiesta de San Isidro?«, fragte ich einen Mann der aus Fantaflaschen große Wassergläser mit der bekannten rosaroten Flüssigkeit füllte.
»San no, Isidro sí«, kam die Antwort und drückte jedem ein mit Hochprozentigem gefülltes Glas in die Hand.
»Isidro, sorpresa, sorpresa!«, rief er dem Mann am Grill zu. Dieses war keineswegs die Fiesta des Heiligen Isidro, sondern die seines Namensvetters Isidro, der zwar nicht heilig, aber sehr gastfreundlich war. Er feierte mit seinen Kumpels von der Telefongesellschaft seinen Namenstag – und wir als Überraschungsgäste mussten bleiben.
Zwei Stunden, fünf Limoflaschen Wein, ein Spanferkel, einen kleinen Topf Mojo, einen großen Topf papas arrugadas und viel Gelächter später wischte sich Rolf den fetttriefenden Mund und stellte zufrieden fest: »Dies ist die lustigste Wallfahrt meines Lebens – auch ohne Gesänge und Puntas Cubanas«.
Unsere Gastgeber hatten nur »Puntas Cubanas« verstanden. Lorenzo, der Mann mit dem Wein, zauberte eine Gitarre hervor und sang etwas offensichtlich sehr Deftiges auf den Gastgeber, jedenfalls schlug sich die kleine Versammlung lachend auf die Schenkel. Isidro hatte die musikalische Erwiderung sofort parat, und dann wanderte die Gitarre um den Tisch, bis ich sie in der Hand hatte. Kurze Beratung – »bloß nicht: Hoch auf dem gelben Wagen«. Dann konnten wir uns revanchieren: Rolf spielte zum Glück Gitarre, und ich intonierte den hamburgischen Sprechgesang von der Deern, die mit dem Eierkorb an der Ecke steht. Annette übernahm mit einem Lied über Düsseldorfer Jungs. Beide Beiträge fanden wohlwollende Aufnahme; danach spielten und sangen Isidro und seine Kollegen aber lieber ohne unser Zutun weiter. Die Spottverse wichen Romanzen über das liebliche La Palma.


Die echte Wallfahrt

Die Sonne versackte am Horizont, als wir zufrieden und pappsatt die Cumbre wieder hinunterschaukelten. Mein tapferes Autochen nahm die Kurven bergab mit seligem Schnurren. Kurz vor unserem Haus dann eine Straßensperre mit großem Polizeiaufgebot.
»Um Himmels Willen. Bloß jetzt keine Alkoholkontrolle!«, schoss es mir durch den Kopf.
»Achtung, Achtung, machen Sie die Straße frei!«, dröhnte es gefährlich aus dem Lautsprecher des Polizeiwagens. »Machen Sie sofort die Straße frei! Hier beginnt in wenigen Minuten die Wallfahrt zu Ehren von San Isidro.«
Und da nahten sie schon, Ochsengespanne vorweg …
Aufklärung: San Isidro ist der Schutzheilige der Bauern. Die Fiesta zu seinen Ehren kann deshalb in jedem Dorf gefeiert werden, sogar in San Nicolás.

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