Reportage

Die steilste Straßenbahnstrecke der Welt.

Eine Fahrt mit der Tram 28.

In manchen Metropolen gibt es sie: Straßenbahnlinien, mit denen man eine Stadt erkundet. Die vielleicht schönste und in jedem Fall abenteuerlichste ist in Lissabon. In historischen Holzkarosserien fährt man an zahlreichen Sehenswürdigkeiten vorbei und passiert das berühmteste Café der portugiesischen Hauptstadt. Johannes Beck, unlängst mit mehreren Preisen für seine Reiseführer ausgezeichnet, hat sich für die Neuauflagen von »Lissabon & Umgebung« (5. Auflage 2009) und »Lissabon MM-City« (5. Auflage 2009) wieder einmal eine Fahrt mit der 28 gegönnt.


10 Kirchen, 8 ehemalige Klöster und mehr als 20 Paläste liegen an ihrem Weg. Sie quert fast alle Lissabonner Altstadtviertel. Auf ihrem mäandergleichen Parcours über die Hügel durch die portugiesische Hauptstadt bezwingt sie die steilsten und engsten Streckenabschnitte, die Verkehrsmittel ihrer Art überwinden müssen. Die Rede ist von der Tram 28, Lissabons berühmteste Straßenbahnlinie.


Das Problem mit den Einzeltickets und die Resistenz der »Elektrischen«

Die Fahrt ist ein Muss für jeden Touristen, der zum ersten Mal in Lissabon weilt. Ein Vergnügen für alle, die wiederholt die Stadt am Tejo besuchen. Doch für die Bewohner Lissabons selbst in der Regel eher ein Graus. Zumindest, wenn sie in Eile sind. Vor allem im Sommer, wenn die Touristen die Mehrheit der Fahrgäste stellen. Denn viele der auswärtigen Mitreisenden besitzen keine Zeitkarten und kaufen Einzeltickets. Dafür kruschteln sie dann umständlich die 1,40 € für den Fahrschein der »Tarifa de Bordo« aus dem Geldbeutel und ziehen so die Stopps an den Haltestellen in die Länge. Und sich brav in der Schlange anzustellen, wie es die Portugiesen handhaben, steht bei den meisten Touristen ebenfalls nicht sehr hoch im Kurs. Doch die Lisboetas selbst tragen mit ihrer chaotischen Parkweise auch ihren Teil zu den chronischen Verspätungen der Tram 28 bei. Allzu oft blockieren abgestellte Autos die Schienen in den engen Gassen der Alfama. Dann stauen sich die Trams und fahren anschließend im Konvoi durch Lissabon.

Durch solch enge Gassen quält sich die 28 (siehe Oberleitung)
Durch solch enge Gassen quält sich die 28 (siehe Oberleitung)

Das ändert jedoch nichts daran, dass die Lissabonner auf ihre »Elektrische«, den »Eléctrico«, stolz sind. Die gelben Gefährte gelten mit ihren historischen Holzkarosserien als inoffizielles Wahrzeichen der Stadt. Und die Linie 28 ist einfach die schönste und abwechslungsreichste der fünf Linien, welche die diversen Stilllegungswellen seit dem Bau der ersten Metrolinie im Jahr 1959 überlebt haben. Doch selbst die 28 wollten die Stadt und die Verkehrsbetriebe Carris schon durch Kleinbusse ersetzen oder in eine reine Touristenbahn umwandeln. Inzwischen steht es besser um das verkehrstechnische Kleinod – die älteste der Lissabonner Trams stammt aus dem Jahr 1902 – und man muss derzeit nicht mehr um die Zukunft der Bahn fürchten.


Von den Kreuzzügen über Literatur und Film zum Flohmarkt

Ihre legendäre, in zahlreichen Büchern und Filmen (von Hans-Magnus Enzensbergers »Ach Europa!« bis Wim Wenders’ »Bis ans Ende der Welt«) verewigte Fahrt beginnt die 28 recht unspektakulär am Martim Moniz, ein paar Steinwürfe vom Zentrum Lissabons entfernt. Der Platz ist Zentrum der Mouraria, des Viertels Lissabons mit dem höchsten Ausländeranteil. Im 12. Jahrhundert Wohnort für die nach der blutigen Eroberung der Stadt durch die christlichen Kreuzfahrer aus der Stadt verbannten Moslems und Juden. Damals lag die Mouraria außerhalb der Stadtmauern und am Rande Lissabons. Heute gehört sie zu den zentralen Stadtteilen und ist Auffangbecken für Immigranten aus Afrika, Indien und China.

Doch die 28 verlässt die Mouraria schnell. Zuerst geht es die Rua da Palma und die Avenida Almirante Reis nach oben, dann biegt die Bahn kurz vor der Kirche Igreja dos Anjos scharf nach rechts ab, um emsig den Graça-Hügel zu erklimmen. Oben angekommen, erreicht man bald den Largo da Graça, nicht weit entfernt liegen die Kirche Igreja da Graça und der Aussichtspunkt Nossa Senhora do Monte. Die nächste Haltestelle befindet sich gegenüber der Igreja São Vicente de Fora. Wer zum Flohmarkt Feira da Ladra will, steigt hier aus. Ab dann wird es abenteuerlich: Eine eingleisige Strecke führt durch enge Gassen der Alfama, so eng, dass sich die Passanten in die Haustüren drücken müssen, um von der Tram nicht erfasst zu werden.


Erinnerungen an San Francisco und das berühmteste Café Lissabons

Ein paar hundert Meter weiter wird die Straße wieder etwas breiter; ihr Name Rua das Escolas Gerais erinnert daran, dass hier im Mittelalter die erste Universität Portugals stand, bis sie 1537 nach Coimbra verlegt wurde. Nach einem weiteren eingleisigen Abschnitt in einer ansteigenden Kurve erreicht man São Tomé. Ab hier begleitet die Linie 12 für eine kurze Weile die 28.

Die nächste Station ist der Aussichtspunkt Santa Luzia, von dem die Burg zu Fuß schnell erreicht werden kann. An der Kathedrale vorüber donnert die Bahn in die Baixa hinunter. Der Wagenführer kurbelt dabei kräftig an den großen Handbremsenrädern; nicht umsonst wird er auf Portugiesisch guarda-freios – Bremsenhüter – genannt. Früher hatte er noch Unterstützung durch einen Kassierer, heute besteht die Besatzung einer Tram nur noch aus einer Person.

Der Eingang des berühmtesten Cafés von Lissabon
Der Eingang des berühmtesten Cafés von Lissabon

Kurzer Halt in der Rua da Conceição, und schon geht es wieder nach oben in Richtung Chiado. Die folgende Straße erinnert sehr an San Francisco, und siehe da: Sie heißt auch Calçada de São Francisco. Die Steigung ist mit 13,5 % enorm – die steilste Straßenbahnstrecke der Welt! Am ehemaligen Gebäude des portugiesischen Inland-Geheimdienstes PIDE in der Rua António Maria Cardoso teilen sich die beiden Richtungen der 28. Vorbei an der Oper São Carlos erreichen wir den Largo Luís de Camões im Bairro Alto. Nicht weit davon ist das berühmteste Café Lissabons, das A Brasileira, zu finden. Für einige Trams der Linie 28 ist das die Endhaltestelle, die meisten setzen ihre Fahrt hier aber noch fort.


Bei Regen muss Sand gestreut werden

Lissabon ist die Stadt der Hügel: Die nächste Abfahrt ist nicht weit. Bereits kurz nach der Bergstation des Aufzugs Elevador da Bica muss der Fahrer wieder kräftig an der Handbremse kurbeln, damit der Wagen nicht zu schnell den Berg nach unten schießt.

Im Tal von São Bento angekommen, trennen sich die Schienen ein weiteres Mal für kurze Zeit, um sich nach der Rua do Poço dos Negros wieder zu vereinigen. Am Parlament São Bento vorbei, geht es die Calçada da Estrela hinauf. Der Anstieg ist so steil, dass der Fahrer bei Regen fleißig Sand streuen muss, um nicht abzurutschen. Oben befindet man sich an der Basílica da Estrela mit ihrem zum Verweilen einladenden Garten Jardim da Estrela. Weiter geht es durch den grünen, rechtwinklig angelegten Arbeiterstadtteil Campo de Ourique zur Endstation Cemitério dos Prazeres. Auf dem »Friedhof der Vergnügungen« (so die deutsche Übersetzung des Cemitério dos Prazeres) kann dann eine kurze Erholungspause eingelegt werden, bevor es wieder zurückgeht – denn auf dieser Fahrt gibt es immer etwas zu entdecken …

Passend dazu