Reportage

Everywhere Polarbear -

Arktische Abenteuer auf Spitzbergen

Unser Island-Autor auf Abwegen! Normalerweise kümmert sich Hans-Peter Koch, Norwegenkorrespondent des Michael Müller Verlags (5. Auflage 2007), um die Ausnahmeerscheinung im Nordmeer. Diesmal jedoch hat Jens Willhardt die eigene Welt der Spitzbergener erkundet, die von Gegensätzen geprägt ist: hier Motorschlitten, dort Lenin-Statuen – und überall die Angst vor dem Eisbär … In einer wunderbar literarischen Sprache schildert der Reisejournalist seine Eindrücke.


Die »Polargirl« wendet ihren sonnenbestrahlten rotweißen Bug langsam nach Westen, in den breiten Eisfjord. Graublau schimmert das Wasser in der Windstille, die Berggipfel auf Steuerbord von weißen Wolkenhäubchen bedeckt, der Horizont begrenzt von einem schneebedeckten Gebirgsband, von Gletschern durchbrochen, über dem der Himmel gelblich leuchtet.
Achteraus zurück liegt die nördlichste Dauersiedlung der Welt, eine Ansammlung dahingewürfelter bunter Holzhäuschen, als hätte ein Kind seine Bauklötzchen verteilt: Longyearbyen, gegründet von einem amerikanischen Herrn gleichen Namens zum Kohleabbau.


Eine Ausnahmeerscheinung mit Eisbären

Longyearbyen aus luftiger Höhe
Longyearbyen aus luftiger Höhe

Schwarz verschmierten Gesichtern wird man hier nicht mehr begegnen, das Surren der drei den Ort überspannenden Kohlegondelbahnen ist passé. Die turmhohen hölzernen Seilbahnmasten sind zu Postkartenmotiven geworden und das Bergarbeiternest bevölkern heute junge Trekkingdraufgänger, Polarforscher und für ein paar Stunden am Tag frierende Kreuzfahrttouristen auf Landgang, die in den Boutiquen kleine Stoffeisbären mit Kulleraugen als Souvenir erstehen. Der Ort ist eine Ausnahmeerscheinung im Nordmeer. Anders als verschlafene isländische Fjordnester und grönländische Inuitsiedlungen scheint Longyearbyen – abgesehen von den Motorschlitten vor jedem Haus – eine fast normale europäische Stadt zu sein, mit Kneipen, einem Supermarkt, mehreren Cafes, in denen italienische Lebensart verkauft wird, einem Krankenhaus, einer Kirche, einem Kindergarten, einer Schule und sogar einer Universität. Das viel gelobte neue Museum ist Pflicht. Kälte, Krieg, Sturm, Tod im hohen Norden – hier kann man etwas darüber erfahren. Natürlich auch über Eisbären, über die bereits im Flugzeug in fast jeder Sitzreihe aufgeregt getuschelt wird. Wurde nicht vor einigen Jahren eine norwegische Studentin auf dem Hausberg angefallen? Mag Longyearbyen eine moderne, globalisierte Urbanisation und so leicht erreichbar wie Stockholm sein – wenige Schritte außerhalb ist die Wildnis, in der Gefahren lauern. Oder nüchterner formuliert: Ein hungriger Eisbär kann überall auftauchen und so wird die Vokabel Polarbear von jedem Reisenden rasch erlernt.


Im Wodkaimperium Lenins – eine Reise in die Vergangenheit

Auf der Suche nach dem Eisbär
Auf der Suche nach dem Eisbär

Auf der »Polargirl« hingegen ist man vor Eisbären sicher und auch ein Wettersturz scheint nicht in Sicht zu sein. Das Schiff stampft nach Westen, den Eisfjord entlang, nach Barentsburg. Spitzbergen liegt zwar am Ende der Welt, außerhalb der europäischen Geschichte liegt es jedoch nicht. Auf der Suche nach der Nordwestpassage entdeckte der Holländer Wilhelm Barents die Inselgruppe, europäische Walfänger kochten hier Tran, Poleroberer starteten ihre Missionen, das Sowjetreich betrieb in Barentsburg eine Kohlegrube. Die Zeit scheint bis heute stehen geblieben: Lenin thront fest auf einem Sockel, alte Militärlastwägen rumpeln über die vom Frost schiefgedrückten Betonplatten, Bergarbeiter in olivfarbenen Klamotten schlurfen von der Arbeit nach Hause in ihren Wohnblock und nicken Kollegen zu, die mit einer Wodkaflasche in der Hand im Zeitlupentempo ein Dach reparieren. Der Hafen ist in den schwarzen Qualm des Kraftwerks gehüllt. Ein großer Kontrast zu Longyearbyen, dem Gewinner des kalten Kriegs am Pol, wo Glasfassaden errichtet werden, rote Sportwagen durch die Straßen cruisen und edle Outdoorkleidung ausgeführt wird. 14 Grad Celsius werden heute in der russischen Enklave gemessen, auf der Besucherterrasse kann man im T-Shirt sitzen – der Fjord und die gleißenden Gletscher, die den Ort umzingeln, reflektieren die Polarsonne. Wer hätte gedacht, dass man auf Spitzbergen ins Schwitzen geraten kann! Vielleicht sollte auch dieser Ort umgewandelt werden, Tourismus statt Tristesse, Liegestühle statt Lethargie. Stadtführungen werden immerhin schon angeboten, ein russischer Führer ist Pflicht. Stanislaus leitet die Besuchergruppe, er berichtet stolz vom fjordwassergefüllten Schwimmbad, vom Sportzentrum und vom Geldkartensystem. Eine berühmte Balletttänzerin stamme von hier. Ob es auch Eisbären gäbe, will ein Reisender wissen. Stanislaus gibt ungerührt zurück, dass 2004 der letzte im Ort gewesen sei. Kein Wunder, müsste die Schweinefarm mit 100 Tieren doch sehr verlockend sein. Philatelisten werden in das Postamt entlassen, Lena aus der Ukraine versucht hier tapfer Briefmarken mit Spitzbergenstempel an den Mann und seltener auch an die Frau zu bringen.


Eine eisige Alternative zur Ballermanninsel

Der allgegenwärtige Große Bruder
Der allgegenwärtige Große Bruder

Zwei junge norwegische Frauen sitzen auf den Treppen vor dem Museum und warten, bis die »Polargirl« wieder ablegt. Maja und Magali haben sich gegen einen Mallorcaurlaub und für das Abenteuer Spitzbergen entschieden und in Barentsburg im Hotel übernachtet, als einzige Gäste. Zurück in Longyearbyen verabschieden sich die beiden Polarurlauberinnen, sie übernachten ohne Furcht vor Eisbären auf dem Zeltplatz unterhalb des Flughafens. Kennen Sie nicht die Warnungen der Reiseführer? Wissen sie nicht, dass empfindsamere Gemüter bereits im Ort beständig die Angst im Nacken spüren?
Abends geht man ins Kroa und lässt den Tag in Trapperromantik ausklingen, soweit das in der Mitternachtssonne geht. Stanislaus scheint recht gehabt zu haben, als er über die vielfältigen Beziehungen zwischen seiner Stadt und Longyearbyen schwadronierte: hinter der Bar im Kroa blickt eine große Leninstatue auf die Gäste herab. In einer Ecke hängen Bilder aus alten Zeiten, auch von der ersten Touristenkreuzfahrt, die Ende des 19 Jhs. ein deutscher Geschäftsmann erfolgreich anbot. Im Ort spielt sich abends Erschreckendes ab: Ein ausländisches Filmteam ist offensichtlich verzweifelt, da auf der Suche nach einem Schnappschuss erfolglos. Ein Mann in einem täuschend echt aussehenden Kostüm muss sich zum Eisbären machen.


Wie eine Badenixe auf einer Luftmatratze

Relikte aus vergangener Zeit – Kohleabbau auf Spitzbergen
Relikte aus vergangener Zeit – Kohleabbau auf Spitzbergen

Neuer Tag, neuer Ausflug. Die »Polargirl« läuft nach Pyramiden aus, dem Ort unterhalb des gleichnamigen Berges, dessen Spitze heute in tiefen Wolken hängt. Die Schätze der »Pyramide« sind längst geplündert, der Berg ist ausgekohlt. Eine Geisterstadt ist geblieben und zeugt vom Untergang des Sowjetreiches. 1998 musste der 1000-Seelen-Ort sterben, nur noch drei Wächter leben hier. Am Anleger wird es ernst: Gewehre werden geschultert. Die Vorsichtsmaßnahmen in Sachen Polarbear zaubert frohe Erwartung auf die Gesichter der Eventhungrigen und lässt der anderen Hälfte Sorgenfalten erscheinen. »Machen Sie sich keine Hoffnungen auf eine Begegnung«, beruhigt Truda, die Führerin, die Gemüter. Lenin steht auch hier noch fest auf seinem Sockel, eine Unzahl von Seevögeln nistet in den Fenstern der hellbraunen Wohnblocks, eine Kinderschaukel baumelt sanft im Wind. Selbst die Fahnenständer des ehemaligen Vorzeigeorts stehen leer. Unheimlich ist es hier auch ohne Eisbärengefahr.
Die »Polargirl« stattet noch dem Nordenskjöld-Gletscher einen Besuch ab, der mit einer mächtigen, blauschimmernden Eiswand in den Fjord kalbt. Eine Robbe driftet auf einer kleinen Eisscholle vor dieser Kulisse, unbekümmert wie eine Badenixe auf einer Luftmatratze. Dabei wäre sie ein Leckerbissen für Eisbären. Doch immer noch ist keiner zu sehen, und die Polarwelt bleibt zauberhaft. Auf dem Schiff ergreift spontan eine Amerikanerin das Wort. Joanne lebt für Eisbären und will die Passagiere aufklären. Mit glänzenden Augen berichtet die mitreißende Expertin von den geringen Überlebenschancen kleiner Bären. Begeistert klärt sie über das Leben der weißen Tiere auf, fast möchte man sich gerne mal um einen solchen Polarkumpel kümmern.
Zurück in der Stadt heißt es, den letzten Abend mit einem Fischbuffett im Sternehotel gebührend zu genießen. Der Blick schweift aus dem Panoramafenster auf den Eisfjord hinaus zu den blauschimmernden Bergen am Horizont, dorthin, wo vielleicht ein Eisbär umherzieht.

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