Reportage

Unterwegs zu Teufelshörnern und Meeresaugen.

Drei Tage in der Bergwelt der Westtatra

Der Osten liegt bei Aktivurlaubern, Kunst- und Naturfreunden im Trend – unsere zweite Neuerscheinung zum Reisegebiet Mittelosteuropa führt Sie mit André Micklitza in die »Slowakei« (1. Auflage 2007). Der Reisejournalist und -buchautor hat im knapp 400 Seiten starken Buch das »kleine große Land« genau unter die Lupe genommen und dabei auch 28 Wanderungen getestet. Für den aktuellen Newsletter war er drei Tage in der Bergwelt der Westtatra unterwegs.


»Ob der Tatra blitzt es, dröhnt des Donners Krachen! Doch der Stürme Wehen wird gar bald vergehen …« heißt es in der ersten Strophe der slowakischen Nationalhymne. Genauso plötzlich und unvermittelt wachsen diese Berge aus der Ebene. An schönen Tagen werden die Städte und Dörfer im Vorland von den Gipfeln der Westtatra eingerahmt, oft bleiben sie aber von Nebel oder Wolken verschluckt. Vor den östlichen Toren der Stadt Liptovský Mikuláš (St. Nikolaus) spiegeln sich die Bergriesen auf einer großen Wasserfläche. Wellen klatschen an den Strand des »Liptauer Meeres«. Im Binnenland Slowakei genügt das Anstauen eines Flusses, um von einem Meer zu sprechen. Die einst hier einheimischen Karpatendeutschen tauften das Gebirge mit Höhen bis 2500 Metern Liptauer Alpen. Die Slowaken nennen die nördlichen Berge Roháce (Hörner) oder schlicht Západné Tatry (Westtatra). Und Bergwanderer lieben die Abgeschiedenheit mit markierten Pfaden, aber nur wenigen Hütten.

Licht und Schatten im »Traurigen Tal« oder Die herrliche Erholung nach neun Stunden Kraxelei

Autor Micklitza an den Seen von Roháce in der Westtatra. (Foto Kerstin Micklitza)
Autor Micklitza an den Seen von Roháce in der Westtatra. (Foto Kerstin Micklitza)

Am Eingang des Tals Žiarská dolina, einem der attraktivsten Täler im gesamten Tatramassiv und idealem Ausgangspunkt auch für längere Touren spuckt der Bus ein ganzes Häufchen Gleichgesinnter aus. Weiter geht es nur zu Fuß. Die einzige Hütte weit und breit heißt Žiarská chata, 2006/07 komplett rekonstruiert. Ganz in der Nähe wurde 1995 ein symbolischer Bergsteigerfriedhof eingeweiht. Auf mehreren großen Granitsteinen sind über sechzig kleine Aluminiumplättchen angebracht. Auf jedem steht der Name, das Geburts- und Todesjahr. Jedes Plättchen ein Schicksal. Ein schlichter hölzerner Glockenturm überragt die Gedenksteine.
Von hier ist der Weg bis zum Bergpass Smutné sedlo optimistisch mit eineinhalb Stunden angegeben. Mit schwerem Rucksack brauchen weniger Konditionierte gut die doppelte Zeit. Und warum sollen wir hetzen? Lieber entspannt gehen, gucken, staunen und öfter mal ausruhen. Oben auf dem »Dach der Welt« erscheinen die beiden Gipfel Ostrý Rohác und Volovec, die wie zwei Teufelshörner über den Hauptkamm ragen, besonders beeindruckend. Sicher erhielt der Gebirgszug deshalb seinen trefflichen Namen, denn Roháce heißt zu Deutsch: Hörner. Auch einige Slowaken sind beeindruckt, zücken sofort ihr Handy und berichten den Daheimgebliebenen von ihren Eindrücken.

Bergriese in der Westtatra im Tal von Roháce. (Foto André Micklitza)
Bergriese in der Westtatra im Tal von Roháce. (Foto André Micklitza)

Unterhalb des Passes streckt sich das »Traurige Tal« (Smutné dolina), in das selbst an sonnigen Tagen nur wenige Strahlen hineinleuchten. Das seltene Spiel von Licht und Schatten lässt dann die zerklüfteten Felswände noch gewaltiger erscheinen. Ein schmaler und steiniger Serpentinenpfad schraubt sich in die Tiefe. Aus der Vogelperspektive ein Klacks, aber real ein harter Brocken. Immer neue aufregende Perspektiven verleiten zum häufigen Fotografieren, auch das kostet Zeit. Nach etwa acht Stunden Kraxelei kommt die Hütte Tatliakova chata am Ende der Straße aus dem Tal Rohácska dolina sehr gelegen, zumal hier ein köstlicher Blaubeerschnaps (Cucoriedkový sen) ausgeschenkt wird, dessen Genuss den Willen zum Weiterlaufen etwas verzögert.
Nach neun Stunden steht der Wanderer schließlich erschöpft vor dem Hotel Osobitá. Selbst in der Hochsaison ist das Haus nur halb belegt. Ganz in der Nähe lockt die Berghütte Zverovka, ein traditioneller Blockbau, auf einer Alm zur Einkehr. Nach Hausmannskost und Fassbier liegen manche Gäste auf der Wiese und genießen die Abendsonne mit Blick auf den Gipfelkranz der Westtatra, darunter ragen auch die markanten »Teufelshörner« auf. Singend, laut juchzend und jodelnd bringen währenddessen die Dörfler auf der Alm vor der Berghütte Zverovka die Heuernte ein. Trotz der schweißtreibenden Arbeit sprühen die Menschen vor Lebensfreude.

Ein warmes Bad in Oravice, das Freilichtmuseum des Arwaer Dorfes und die Meeresaugen von Roháce

Slowakisches Stillleben. (Foto Kerstin Micklitza)
Slowakisches Stillleben. (Foto Kerstin Micklitza)

In Oravice, einem kleinen Dorf am Nordfuß der Westtatra, nahe der polnisch-slowakischen Grenze, wurde jüngst neben dem schon bestehenden kleinen Thermalbad ein großer Wellnesstempel eröffnet. Man kommt hierher mit dem Bus oder leiht sich ein Fahrrad, z. B. im Touristenzentrum Zuberec. Das Wasser in mehreren überdimensionalen Badewannen ist mit 36 °C angenehm und hat zusammen mit einer anschließenden Massage tatsächlich den gewünschten Effekt: Der Muskelkater ist wie von Zauberhand verschwunden.
Zurück zum Hotel Osobitá führt unser Weg zum Freilichtmuseum des Arwaer Dorfes (Múzeum oravskej dediny). Alles wirkt hier wie Jahrhunderte lang gewachsen und ist doch erst seit 1970 im Werden. Auf gut 20 Hektar wurden typische Wohnbauten, Speicher, Handwerksbetriebe und Kirchen, fast allesamt aus Holz, zusammengetragen. Dazwischen liegen Weideflächen, Blumen- und Gemüsegärten. Im gezimmerten Gasthof kommt eine lokale Spezialität auf den Tisch: Domáca kapustnica, hausgemachte Krautsuppe mit Würstchen und Rauchfleisch.

Verdient nach schweißtreibender Bergetappe. (Foto André Micklitza)
Verdient nach schweißtreibender Bergetappe. (Foto André Micklitza)

Der Faulenzertag in Oravice hat seine Wirkung nicht verfehlt: Die Berge rufen wieder! Vom bereits erwähnten Hotel Osobitá geplant, ist das Unternehmen des dritten Tages auch mit Kindern kein Problem: In einem tiefen Gletscherkessel des Roháce glitzern mehrere namenlose Bergseen. In der Tatra werden diese Gewässer poetisch auch Meeraugen genannt, hier allerdings tragen vier davon nur Ordnungszahlen. Die bei entsprechendem Licht auf verschiedenen Höhenstufen tief blau leuchtenden Seen werden von einer wilden Bergkulisse überragt. Am Wasser wird Picknick gehalten oder man kühlt die heißgelaufenen Füße. An der Tatliakova chata endet der steinige Weg und geht in Asphalt über. Rund um die Hütte lagern viele Bergwanderer, zumeist mit einem Bier in Reichweite. Und das zischt, zumal nach einer Bergtour! Wer weiß schon, dass die Slowaken genauso gute Bierbrauer sind wie ihre Nachbarn, die Tschechen?

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