Reportage

Von der Originalität der Wahrnehmung

oder Ein Blick auf die Geschichte der Reiseführer

Ein Artikel von Marcus X. Schmid, dem Autor unseres Travel Guides über Südwestfrankreich (5. Auflage). Heute berichtet unser Experte in kurzweiligen Zeitsprüngen von der historischen Entwicklung des Reiseführers, die auch für seinen neu aufgelegten Michael-Müller-Titel relevant war. Denn was ein gutes Handbuch tatsächlich ausmacht, kann man mitunter von den Pionieren der Gattung lernen …


Als ich 1992 die erste Auflage von »Südwestfrankreich« vorbereitete, machte ich mich erst einmal daran, das publizistische Umfeld abzusuchen, und begab mich in die nächstgelegene Bibliothek, in die »Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel«. Dort fand ich neben Studien über Geologie, Geschichte und Wirtschaft Südwestfrankreichs ein Büchlein, geschrieben in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es handelte sich um eine aus dem Englischen ins Französische übersetzte Beschreibung von Bordeaux und seiner Umgebung, vorangestellt war ein Kapitel zur Geschichte dieser schönen Stadt. Der Autor, dessen Namen ich längst vergessen habe, war nicht etwa ein früher Vertreter meiner Zunft, sondern ein englischer Weinhändler, der jährlich einmal nach Bordeaux reiste, um dort lukrativeren Geschäften nachzugehen. Nach mehreren Reisen durch das Bordelais beschloss er, für seine Landsleute ein Buch über die Gegend zu schreiben, und wartete darin auch mit ein paar handfesten Ratschlägen auf. Meinerseits verdanke ich diesem englischen Weinhändler eine Beschreibung der Badesitten im 19. Jahrhundert, die Eingang in mein Südwestfrankreich-Buch fand.

Über 10 Jahre später fiel mir ein anderes Buch in die Hände: Laurent Tissot, »Naissance d’une industrie touristique« (Geburt einer touristischen Industrie). Der Schweizer Historiker beschreibt darin unter anderem die Entstehung des Reiseführers als literarisches Genre und führt zahlreiche englische Titel an, die von den Schönheiten der »Swiss Alps« schwärmen. Offensichtlich führte die Niederlage Napoleons 1815 und die damit durchbrochene Kontinentalsperre bei den Briten nicht nur zur Wiederaufnahme des Bordeaux-Weinhandels, sondern verstärkte ganz allgemein auch ihre Reiselust. Die Entwicklung des Eisenbahnnetzes bewirkte dann einen zweiten touristischen Schub. Einen großen Förderer fand dieses Verkehrsmittel in Napoleon III., der unter anderem in Südwestfrankreich den Bau der Linie nach Biarritz veranlasste (vielleicht auch nur, um mit seiner spanischen Gemahlin schneller in sein atlantisches Feriendomizil zu gelangen).

Welchen Einfluss die Eisenbahn auf den Buchhandel hatte, lässt sich beim deutschen Soziologen Wolfgang Schivelbusch (»Geschichte der Eisenbahnreise«) nachlesen. So war der heutige Großverlag Hachette (für den unsere Kolleginnen und Kollegen vom Guide Routard schreiben) in seinen Anfängen eine beliebte Eisenbahnbibliothek: man lieh sich in Paris bei der Abfahrt am Bahnhof ein Buch für die Reise aus, das man bei der Ankunft in London am dortigen Bahnhof wieder zurückgab.

Noch bis ins 19. Jahrhundert waren Reisebücher in den meisten Fällen einfach Reiseberichte. Mein Gewährsmann Tissot schreibt, dass damals die Originalität der Beobachtung und Wahrnehmung des besuchten Landes sowie die persönlichen Abschweifungen des Autors den Erfolg eines Buchs ausmachten. Zu diesen Büchern gehörte wohl auch das Bändchen des eingangs erwähnten englischen Weinhändlers. Sie sind schön zu lesen, weisen aber in praktischen Belangen zahlreiche Lücken auf. Dieser Mangel ruft Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Art des Reisebuchs auf den Plan: den Reiseführer. Der neue Typus, in seiner klassischen Form zum ersten Mal von Baedeker verkörpert, sagt dem Reisenden, wann wo welcher Zug abfährt, wie lange die Reise dauert, wie teuer ihn wo die Übernachtung zu stehen kommt und listet die lokalen Sehenswürdigkeiten im fremden Land auf.

Rund 150 Jahre nach Karl Baedekers Debüt auf dem Buchmarkt präsentiert der Michael Müller Verlag sein erfolgreiches Programm. Auch wir erklären in unseren Büchern, wo wann ein Bus abfährt, wo man preisgünstig isst, wie teuer welches Hotel ist und wann ein Museum seine Pforten öffnet. Gleichzeitig aber wollen wir nicht vergessen, dass hinter diesen Informationen Autoren stecken, Menschen mit ihren Vorlieben, ihren Wahrnehmungen, ihren ganz persönlichen Reiseerfahrungen und ihrer speziellen Art, diese wiederzugeben – ihrer Subjektivität eben. Denn vielleicht macht ja gerade eine gut geschriebene Mischung aus sachlicher Information und persönlichen Eindrücken die Qualität eines Reisebuchs aus. In diesem Sinne hoffe ich, daß die Informationen der jetzt erschienenen 5. Auflage von »Südwestfrankreich« à jour sind und wünsche den Leserinnen und Leser: bonne lecture et bon voyage!

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