Wussten Sie, dass ...?

Teil 41: Das Schloss, auf dem Hamlet umgeht

oder Der Schauplatz des berühmtesten Theaterstücks der Welt

Der literarische Superstar Haruki Murakami hat einmal gesagt, dass er sein Leben in einem Bergwerk verbracht habe – bevor er »Hamlet« zum ersten Mal las. Viele kennen den bekannten Einzeiler (»Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.«) des tragischen Prinzen, doch wenige wissen, weshalb Shakespeare ausgerechnet eine dänische Kleinstadt in der Nähe von Kopenhagen als Schauplatz auserkoren hat. Christian Gehl, Autor unseres Kopenhagen-Reiseführers, hat genauer hingesehen.  

»To be or not to be« deklamiert der dänische Prinz Hamlet nun schon seit Jahrhunderten auf allen Bühnen der Welt. Tragödienautor William Shakespeare lässt seinen Titelhelden den berühmten Monolog auf Schloss Helsingør (heute Schloss Kronborg) sprechen: im gleichnamigen Ort Helsingør, eine Autostunde von Kopenhagen entfernt. Wie ist Shakespeare ausgerechnet auf diese dänische Kleinstadt als Handlungsort seines großen Dramas gekommen?


Hohe Einnahmen während der Rushhour

Selbst bei bestem Wetter strahlt das UNESCO-Weltkulturerbe auch eine dunkel-schwermütige Atmospähre aus (Foto: Christian Gehl)
Selbst bei bestem Wetter strahlt das UNESCO-Weltkulturerbe auch eine dunkel-schwermütige Atmospähre aus (Foto: Christian Gehl)

Helsingør liegt 42 Kilometer nördlich von Kopenhagen, an der schmalsten Stelle der Meerenge zwischen Dänemark und Schweden, dem Øresund. Vierhundert Jahre lang kassierten die Dänen hier den Sundzoll von jedem ausländischen Schiff. Dabei muss man wissen: Schifffahrtszölle waren damals keine kleine Angelegenheit, denn bis ins 20. Jahrhundert hinein herrschte Rushhour auf den Weltmeeren. Als Schloss Kronborg 1585 die Meeresenge bewachte, mussten jährlich 40.000 Schiffe an Land gehen, bedroht von den Kanonen der Dänen. Das Geld, das sie für die Passiererlaubnis entrichteten, machte etwa ein Achtel (!) aller Staatseinnahmen aus.
Somit waren Helsingør, heute knapp 50.000 Einwohner stark, und sein Fort zu Shakespeares Zeiten von immenser strategischer und wirtschaftspolitischer Bedeutung. Aus diesem Grund ließ es sich auch der König nicht nehmen, dort anwesend zu sein. Frederik II. hieß er zu Zeiten von Shakespeare.


Shakespeares Schauspieltruppe

Zwar nicht Prinz Hamlet, dafür Prinz Han, das Gegenstück zur Kleinen Meerjungfrau, schaut auf das wuchtige Schloss Kronborg im Hintergrund (Foto: Christian Gehl)
Zwar nicht Prinz Hamlet, dafür Prinz Han, das Gegenstück zur Kleinen Meerjungfrau, schaut auf das wuchtige Schloss Kronborg im Hintergrund (Foto: Christian Gehl)

Wie der englische Weltschriftsteller nun aber auf Schloss Kronborg für seinen Hamlet kam, enträtselte erst vor wenigen Jahren eine Mitarbeiterin der Universität von Toronto. Im Rahmen von Forschungen für das Projekt »Records of Early English Drama« fand sie heraus, dass zwei Schauspieler der Truppe, für die Shakespeare damals Stücke schrieb, kurz vor der Niederschrift des Dramas auf Schloss Kronborg vorsprachen. Die Folgerung: Gut möglich, dass sie bei ihrer Rückkehr nach England dem Autor davon erzählten! Sie lebten schließlich von dessen Einfällen.
Was die Schauspieler auf dem Schloss, dass 2000 zu einem Weltkulturerbe der UNESCO wurde, möglicherweise beeindruckt hat – der Prunk der Renaissance –, ist heute leider nur noch in Ansätzen zu sehen. Im 17. Jahrhundert brannte der Herrschersitz lichterloh, man baute ihn wieder auf, dann änderten Kriege die Besitzverhältnisse, das Schloss wurde geplündert und Ende des 18. Jahrhunderts zog das Militär ein. Erst seit 1991 ist die Burg keine Kaserne mehr, doch der vielbewunderte Glanz früherer Zeiten hat wegen der fehlenden Originalausstattung nur spärlich »überlebt«.
Das Besondere an Schloss Kronborg ist seine schiere Wucht – und diese dunkel-schwermütige Atmosphäre, die den Besuchern das verdüsterte Gemüt von Shakespeares dänischem Prinzen verstehen lässt.


Reisepraktische Infos

Anfahrt: Mit dem Auto immer entlang der Küste nach Norden (via Strandvejen) bis Helsingør, dort ist das Schloss gut ausgeschildert. Mit dem Zug alle 20 Minuten vom Hauptbahnhof in Kopenhagen für 108 kr (14,50 €) zum Hauptbahnhof in Helsingør, Dauer der Fahrt: 45 Minuten. Von dort ist es etwa eine Viertelstunde zu Fuß bis Schloss Kronborg, immer entlang dem Hafen, an der neuen Kulturwerft und dem Schifffahrtsmuseum vorbei. Die imposante Burg bleibt dabei stets im Blick.

Öffnungszeiten/Eintrittspreise: Schloss Kronborg, Kronborg 2c, 3000 Helsingør, Tel. 0045/49213078, www.kongeligeslotte.dk, Juni bis Sept. tägl. 10-17.30 Uhr, sonst Di-So 11-16 Uhr (April/Mai auch Mo geöffnet). Eintritt 140 kr (bis Mai 95 kr; 25 % Rabatt mit Ticket des Schifffahrtsmuseums), bis 18 J. frei. Im August werden auf der Wiese vor dem Burggraben Shakespeare-Stücke gezeigt (Programm der Open-Air-Aufführungen bei www.hamletscenen.dk.
Schifffahrtsmuseum (Museet for Søfart): Helsingør, Ny Kronborgvej 1. Geöffnet: Juli/Aug. tägl. 11-18 Uhr, sonst Di-So 11-17 Uhr. Eintritt 120 kr, unter 18 J. gratis. Tel. 0045/49210685, www.mfs.dk.

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