Rei­se­re­por­ta­ge

Ce­poun de la Bra­va­de –
der wahre Herr­scher von Saint-Tro­pez

Ein Ar­ti­kel von Ralf Nest­mey­er, dem Autor un­se­res Rei­se­hand­buchs »Pro­vence und Cote d'Azur«. Der be­kann­te Rei­se­jour­na­list in­for­miert über die Bra­va­de, eine der letz­ten tra­di­tio­nel­len Fei­er­lich­kei­ten der Pro­vence.


Portrait Ralf NestmeyerStatt am Hafen drän­gen sich die Men­schen auf dem klei­nen Platz vor dem Rat­haus von Saint-Tro­pez. Pul­ver­dampf liegt in der Luft, es fal­len ein paar kurze Kom­man­dos, un­ter­bro­chen von Trom­mel­wir­bel. Schließ­lich setzt sich eine fei­er­li­che Pro­zes­si­on in Be­we­gung. Be­glei­tet wird das Spek­ta­kel von einem oh­ren­be­täu­ben­den Ge­fechts­lärm, der in allen Gas­sen der Alt­stadt zu hören ist. Die Bra­va­de hat be­gon­nen!
Zwi­schen der Zi­ta­del­le und dem Alten Hafen fin­det man drei Tage lang kaum eine ru­hi­ge Ecke. Vom Jet-Set, der sich sonst so gerne in dem mon­dä­nen Fi­scher­dorf trifft, ist nichts zu sehen. Auch wenn das Ge­tö­se ein­mal kurz ver­stummt, sind kaum Frem­de aus­zu­ma­chen, statt­des­sen ist über­all der schwung­vol­le, pro­ven­za­li­sche Dia­lekt zu hören.

Die Bra­va­de, die all­jähr­lich vom 16. bis 18. Mai statt­fin­det, ist nicht nur eine Ver­an­stal­tung mit lan­ger Tra­di­ti­on – die­ses Jahr wird be­reits die 446. Bra­va­de ge­fei­ert! –, son­dern das ein­zi­ge Er­eig­nis, bei dem die Ein­hei­mi­schen ge­wis­ser­ma­ßen unter sich sind, da nur ge­bür­ti­ge Tro­pe­zia­ner aktiv an den Um­zü­gen teil­neh­men dür­fen.
Mit In­brunst und gro­ßer An­teil­nah­me na­he­zu aller Ein­hei­mi­schen wird mit der drei­tä­gi­gen Bra­va­de an das Mar­ty­ri­um des Stadt­hei­li­gen San Tor­pès er­in­nert. Glaubt man der Le­gen­de, so lei­tet sich der Name der Stadt und ihrer zu­ge­hö­ri­gen Bucht von einem rö­mi­schen Of­fi­zier na­mens Tor­pès ab, der zur Zeit Neros in Pisa auf­grund sei­nes Glau­bens ent­haup­tet wurde. Der kopf­lo­se Leich­nam des Mär­ty­rers – so je­den­falls will es die lo­ka­le Über­lie­fe­rung – wurde zu­sam­men mit einem Huhn und einem Hahn in eine Barke ge­legt und am Hafen des heu­ti­gen Saint-Tro­pez an­ge­spült.

Die Le­gen­de könn­te durch­aus einen wah­ren Kern haben, wie der Pfar­rer von Saint-Tro­pez vor ein paar Jah­ren ein­drucks­voll de­mons­triert hat: Auf einer Pil­ger­rei­se warf er eine Plas­tik­fla­sche mit sei­ner Vi­si­ten­kar­te in den Arno. Drei Wo­chen spä­ter wurde sie im La-Pon­che-Vier­tel an den Strand ge­spült.
Wahr­heit hin, Le­gen­de her – das laut­star­ke Fest zu Ehren des Stadt­hei­li­gen be­ginnt am 16. Mai um 15 Uhr mit der Waf­fen­wei­he vor dem Rat­haus, bevor die als See­leu­te kos­tü­mier­ten Ein­hei­mi­schen, an­ge­führt durch den Ce­poun, in einem ers­ten lär­men­den Auf­marsch (der so ge­nann­ten »Bra­va­de«) zur Ka­the­dra­le zie­hen und mit der Büste des Hei­li­gen zu­rück­keh­ren.
Der wie die See­leu­te in eine weiß-blau-rote Uni­form ge­klei­de­te Ce­poun ist zu­gleich Vor­sit­zen­der des 1921 ge­grün­de­ten Ver­eins der Bra­va­de-Freun­de, der mehr als 2000 Mit­glie­der zählt. Eine statt­li­che Zahl, vor allem wenn man be­denkt, dass jeder drit­te Ein­woh­ner von Saint-Tro­pez ein Ver­eins­mit­glied ist!

Seit dem Jahr 2000 steht Patri­ce de Col­mont, der Pa­tron des le­gen­dä­ren Strand­re­stau­rants »Club 55«, an der Spit­ze der »As­so­cia­ti­on des Amis de la Bra­va­de«. Der Ce­poun – das pro­ven­za­li­sche Wort be­deu­tet so viel wie Un­ter­stüt­zung – wird auf Le­bens­zeit ge­wählt; einst stand ihm al­lein das Recht zu, den Ka­pi­tän der tro­pe­zia­ni­schen Flot­te zu be­stim­men. In der öf­fent­li­chen Mei­nung hat Patri­ce de Col­mont daher ein eh­ren­vol­le­res Amt inne als der Bür­ger­meis­ter von Saint-Tro­pez. Col­monts Vor­gän­ger übte den pres­ti­ge­träch­ti­gen Vor­sitz üb­ri­gens 35 Jahre lang aus!

Den ei­gent­li­chen Hö­he­punkt der Fei­er­lich­kei­ten stellt die am zwei­ten Tag statt­fin­den­de »Gran­de Bra­va­de« dar. Von 16 Uhr bis Mit­ter­nacht de­fi­lie­ren die Teil­neh­mer mit Stolz ge­schwell­ter Brust im Gleich­schritt durch die Stadt. Be­glei­tet vom nicht aus­set­zen­den Trom­melstak­ka­to don­nert ein ste­tes Ge­knal­le durch die Gas­sen von Saint-Tro­pez.
Ir­gend­wann zeh­ren die Böl­ler­schüs­se al­ler­dings an den Ner­ven; sie schei­nen kein Ende zu neh­men, jagen die Bra­va­deu­re doch mehr als 400 Ki­lo­gramm Schieß­pul­ver in die Luft. Aber auch da­nach ist noch kein Ende der Fei­er­lich­kei­ten ab­zu­se­hen: In den Cafés und Kn­ei­pen wird mun­ter wei­ter ge­fei­ert, erst in den frü­hen Mor­gen­stun­den kommt die Stadt all­mäh­lich zur Ruhe.
Am 18. Mai ver­sam­meln sich alle Teil­neh­mer schließ­lich bei einer Messe in der Ka­pel­le Sain­te-Anne, wo die Re­li­quie des Stadt­hei­li­gen auf­be­wahrt wird. Nun kehrt lang­sam der All­tag ein und Saint-Tro­pez »ge­hört« wie­der den Tou­ris­ten, die im Café Sé­néquier und im be­nach­bar­ten Go­ril­le sit­zen, um das Trei­ben am Ha­fen­kai und auf den Lu­xusyach­ten zu be­ob­ach­ten.

Adres­se: Of­fice du Tou­ris­me, B.P. 218, F-83994 Saint-Tro­pez Cedex, Tel. 0033/494974121, Fax 0033/494978266.

In­ter­net: www.art-con­cept.net/city/saint-tro­pez