Rei­se­re­por­ta­ge

Die Bal­la­de von Ellen und Er­nest Gers­tel

Mül­ler­bü­cher sind auch Ur­laubsschmö­ker. Neben vie­len rei­se­prak­ti­schen Tipps wol­len die klei­nen, fei­nen Sto­rys am We­ges­rand ent­deckt wer­den. Dies­mal er­zählt Ralf Nest­mey­er von einer Buch­hand­lung in Saint-Tro­pez, in der be­reits Pi­cas­so und »die Dietrich« ein­kauf­ten. Noch in­ter­es­san­ter sind die Hin­ter­grün­de der deut­schen Be­sit­zer Ellen und Er­nest Gers­tel, die wäh­rend der Na­zi­herr­schaft auf die Hilfs­be­reit­schaft ihrer fran­zö­si­schen Freun­de bauen muss­ten. Der Autor die­ser Epi­so­de eines deut­schen Exils in Frank­reich hat ge­ra­de seine Rei­se­bü­cher »Pro­vence & Cote d’Azur« (9. Auf­la­ge 2012) und »Cote d’Azur« (7. Auf­la­ge 2012) ak­tua­li­siert.


Portrait Ralf NestmeyerDi­rekt am alten Hafen von Saint-Tro­pez, der in den Som­mer­mo­na­ten den Lu­xus­jach­ten und ihren Be­wun­de­rern vor­be­hal­ten ist, zweigt ein klei­nes Gäss­chen ab, die Rue Ge­or­ges Clé­men­ceau, die sich zum Place Car­not schlän­gelt. Wenn man diese Gasse vom Hafen her be­tritt, ist es allzu leicht, das erste un­schein­ba­re Haus auf der rech­ten Seite zu über­se­hen. Nur das mit dun­kel­brau­ner Farbe über die bei­den Fens­ter ge­mal­te »li­brai­rie« wies noch ein paar Jahre auf die eins­ti­ge Buch­hand­lung Gers­tel hin, die im Herbst 1994 auf­ge­ge­ben wurde (heute wer­den hier Kla­mot­ten ver­kauft). Mit der Auf­ga­be der Buch­hand­lung Gers­tel ging auch eine Epi­so­de deut­schen Exils in Frank­reich zu Ende.


Als Staa­ten­lo­ser im Exil

Die da­ma­li­ge Be­sit­ze­rin Ellen Gers­tel war näm­lich eine ge­bür­ti­ge Ber­li­ne­rin, die im Au­gust 1933, we­ni­ge Mo­na­te nach der Macht­er­grei­fung Hit­lers, Ber­lin ver­las­sen hatte, um mit ihrem zu­künf­ti­gen Ehe­mann Er­nest nach Paris zu gehen. Noch 1914 war Er­nest Gers­tel, wie so viele an­de­re Deut­sche jü­di­schen Glau­bens, frei­wil­lig und vol­ler Über­zeu­gung in den Krieg ge­zo­gen, um für sein Va­ter­land zu kämp­fen. In den Mo­na­ten nach der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­über­nah­me war dem ge­bür­ti­gen Nürn­ber­ger schnell klar ge­wor­den, dass er Deutsch­land ver­las­sen muss­te.
Mit dem Kriegs­aus­bruch im Sep­tem­ber 1939 ge­stal­te­te sich die Lage zu­neh­mend kri­ti­scher. Er­nest Gers­tel wurde als Staa­ten­lo­ser deut­scher Her­kunft in der Nähe von Bour­ges in Mit­tel­frank­reich in­ter­niert. Im Mai 1940 er­eil­te Ellen Gers­tel das glei­che Los: Erst wurde sie drei­zehn Tage mit 12.000 wei­te­ren Frau­en ins Pa­ri­ser Vé­lo­dro­me d’Hiver, einer über­dach­ten Rad­renn­bahn, ge­pfercht und schließ­lich in das be­rüch­tig­te Lager »Gurs« in die Py­re­nä­en ge­bracht, in dem sich auch Marta Feucht­wan­ger und viele an­de­re deut­sche Frau­en be­fan­den. Am 13. Juli 1940, we­ni­ge Wo­chen nach­dem in Frank­reich die Waf­fen ver­stummt waren, er­folg­te ihre Be­frei­ung. Er­nest war in der Zwi­schen­zeit in die Frem­den­le­gi­on ein­ge­tre­ten; al­ler­dings mehr zwangs­wei­se denn frei­wil­lig, da ihm die fran­zö­si­schen Be­hör­den keine an­de­re Wahl ge­las­sen hat­ten, um einer wei­te­ren In­ter­nie­rung zu ent­ge­hen. Ein knap­pes Jahr spä­ter wurde Er­nest Gers­tel in Saint-Tro­pez aus der Frem­den­le­gi­on ent­las­sen, da er glück­li­cher­wei­se eine feste Adres­se in der un­be­setz­ten Zone nach­wei­sen konn­te. Im April 1941 war das Ehe­paar end­lich wie­der ver­eint. Zum zwei­ten Mal in­ner­halb we­ni­ger Jahre hat­ten sie alles ver­lo­ren, doch leb­ten sie hier in Saint-Tro­pez in Frei­heit und Si­cher­heit – vor­erst.


Der Zu­sam­men­halt wäh­rend der Be­sat­zung

An der Promenade der weltberühmten Hafenstadt
An der Pro­me­na­de der welt­be­rühm­ten Ha­fen­stadt
Die ers­ten Mo­na­te waren hart; sie wohn­ten zu­sam­men in einem ein­zi­gen, engen Zim­mer, ver­füg­ten weder über Tisch noch Herd und nur sel­ten konn­ten sie sich eine rich­ti­ge Mahl­zeit leis­ten. Doch es ging auf­wärts. Er­nest Gers­tel, der in Mün­chen Kunst­ge­schich­te stu­diert hatte, fand eine Be­schäf­ti­gung als Ver­käu­fer in der Buch­hand­lung Denis. Sein Ge­halt war nicht üppig; er ver­dien­te nur zehn Pro­zent von jedem von ihm ver­kauf­ten Buch. Nicht viel, doch im­mer­hin ein An­fang. Ellen Gers­tel, die als Land­ar­bei­te­rin un­ter­ge­kom­men war, steu­er­te haupt­säch­lich Nah­rungs­mit­tel zum ge­mein­sa­men Un­ter­halt bei. Noch vor An­kunft der deut­schen Trup­pen in Saint-Tro­pez konn­ten sich die Gers­tels fal­sche Pa­pie­re be­sor­gen. Die Hilfs­be­reit­schaft der Ein­hei­mi­schen war enorm. Auf dem Ge­mein­de­amt stell­te man ihnen Pässe auf den Namen des Be­sit­zers der Buch­hand­lung Denis aus. Selbst der von der Vichy-Re­gie­rung er­nann­te Bür­ger­meis­ter deck­te beide. Im No­vem­ber 1942 wurde Saint-Tro­pez be­setzt. Er­nest muss­te sich bei­na­he zwei Jahre lang in dem im La-Pon­che-Vier­tel ge­le­ge­nen Zim­mer ver­ste­cken. Aber auch jetzt hal­fen Nach­barn und neu ge­won­ne­ne Freun­de. Eine Nach­ba­rin lieh ihnen ein Ra­dio­ge­rät, so konn­te Er­nest in sei­nem Ver­steck we­nigs­tens die Nach­rich­ten ver­fol­gen.
Am 15. Au­gust 1944 war es so­weit: Saint-Tro­pez wurde von ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen nach einem hef­ti­gen Kampf, in dem viele Häu­ser am Hafen stark be­schä­digt wur­den, be­freit. Noch ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter leuch­te­ten Ellen Gers­tels Augen, als sie von die­sem wich­ti­gen Er­eig­nis er­zähl­te: Auf den Tag genau elf Jahre nach­dem sie Ber­lin ver­las­sen hat­ten, konn­te das Leben der Gers­tels wie­der in ge­re­gel­ten Bah­nen ver­lau­fen.


Ein Who-is-Who der fünf­zi­ger und sech­zi­ger Jahre

Ein Ent­schluss stand fest: Auch nach Kriegs­en­de woll­ten die Gers­tels in Saint-Tro­pez blei­ben. 1948 er­folg­te die kos­ten­lo­se Ein­bür­ge­rung und beide wur­den von gan­zem Her­zen fran­zö­si­sche Staats­bür­ger. Vier Jahre spä­ter über­gab ihnen Herr Denis die Ge­schäfts­füh­rung sei­ner Buch­hand­lung. Da­durch ver­füg­ten sie über eine ge­si­cher­te Exis­tenz­grund­la­ge. Er­nest und Ellen Gers­tel konn­ten nun auch das Sor­ti­ment ganz nach ihren Vor­stel­lun­gen ge­stal­ten. Ein brei­tes An­ge­bot an guter fran­zö­si­scher, eng­li­scher und deut­scher Li­te­ra­tur füll­te die schlich­ten, pro­vi­so­risch wir­ken­den Re­ga­le der klei­nen Buch­hand­lung, die sich nur über zwei Räume er­streck­te. Schnell wurde die Buch­hand­lung in der Rue Ge­or­ges Clé­men­ceau zu einer be­kann­ten Adres­se. Mar­le­ne Dietrich war in den fünf­zi­ger Jah­ren ein häu­fi­ger und gern ge­se­he­ner Gast. In­ko­gni­to, das Ge­sicht hin­ter einer dunk­len, mo­disch ge­schwun­ge­nen Son­nen­bril­le ver­bor­gen, kam sie oft zum Schmö­kern hier­her. »Die Dietrich« (»Mar­le­ne Dietrich legte immer nur in Be­glei­tung eines ein­zi­gen Ma­tro­sen im Hafen von Saint-Tro­pez an …«) war aber nicht der ein­zi­ge pro­mi­nen­te Kunde. Das Be­su­cher­buch liest sich wie ein Who-is-Who der fünf­zi­ger und sech­zi­ger Jahre. Pablo Pi­cas­so und Max Ernst ge­hör­ten ge­nau­so zu ihren Kun­den wie Wal­ter Meh­ring und der fran­ko­phi­le So­zi­al­de­mo­krat Carlo Schmid, zu dem Ellen Gers­tel ein be­son­ders herz­li­ches Ver­hält­nis un­ter­hielt. Nir­gend­wo sonst, so stell­te Ellen Gers­tel im Rück­blick be­wegt fest, hätte sie ein so er­füll­tes und er­eig­nis­rei­ches Leben füh­ren kön­nen wie in Saint-Tro­pez.


»Das Pu­bli­kum hat sich stark ver­än­dert«

Saint-Tropez – Klischee und Wirklichkeit
Saint-Tro­pez – Kli­schee und Wirk­lich­keit
Durch den ein­set­zen­den Mas­sen­tou­ris­mus hatte sich man­ches auch zum Ne­ga­ti­ven hin ver­än­dert, wie Ellen Gers­tel be­dau­er­te, je­doch pro­fi­tier­te ihre Buch­hand­lung auch davon: »Mehr Tou­ris­ten be­deu­te­ten na­tür­lich auch mehr Um­satz.« Seit 1966, dem Jahr, als ihr Mann ge­stor­ben war, hatte Frau Gers­tel die Buch­hand­lung al­lei­ne wei­ter­ge­führt; im fort­ge­schrit­te­nen Alter brach­te sie nicht mehr die Kraft auf, das Ge­schäft zu lei­ten. Es waren vor allem die Augen, die den Di­enst ver­sag­ten. Ein In­ter­es­sent, der die Buch­hand­lung über­neh­men woll­te, war nicht zu fin­den. Dies lag auch daran, wie Ellen Gers­tel 1994, ein Jahr vor ihrem Tod, weh­mü­tig fest­stell­te, dass es in den letz­ten Jah­ren immer schwe­rer wurde, gute Li­te­ra­tur zu ver­kau­fen: »Das Pu­bli­kum hat sich stark ver­än­dert. Heute wird in den Fe­ri­en we­sent­lich we­ni­ger ge­le­sen und wenn, dann haupt­säch­lich Tri­vi­al­li­te­ra­tur.«
Der Ab­schied von den Bü­chern und ihrer Buch­hand­lung schmerz­te Ellen Gers­tel sehr. Und wer schon ein­mal in der Li­brai­rie Gers­tel ein Buch ge­sucht und ge­fun­den hatte, wird ver­ste­hen, warum.