Wussten Sie, dass ...?

Teil 7: Meerwasser und Melancholie.

Ein mentalitätsgeschichtlicher Ausflug mit Sven Talaron.

Der Michael Müller Verlag ist bekannt für seine reisepraktischen Handbücher. Neben Tipps von A bis Z gibt es auch witzige und skurrile Themen, die während der Niederschrift eines Reiseführers ins Zentrum rücken. In jeder Ausgabe des Newsletters stellen wir Ihnen einen dieser kleinen Texte vor. Heute widmet sich Sven Talaron den beliebten und hochherrschaftlichen »Seebädern« Mecklenburg-Vorpommerns. Das passende Buch zu allen reisepraktischen und sonstigen Fragen ist soeben in 1. Auflage 2010 erschienen.


Die Idee entstand im 18. Jh. in England: Um die in Adelskreisen verbreitete Gemütsschwere zu lindern, tauchte man Melancholiker jeden Alters ins Meerwasser. Salzig musste es sein und vor allem kalt. Die Schocktherapie, hieß es, helfe auch gegen Hysterie, Rheumatismus, Rachitis, Fallsucht, Harnwegserkrankungen etc. – die Thalassotherapie, eine in der Antike gängige Behandlungsmethode, war wiederentdeckt worden.Das älteste deutsche Seebad entstand auf Anraten des Kur- und Badearzt Prof. Dr. Samuel Gottlieb Vogel. Er verordnete Friedrich Franz I., Herzog von Mecklenburg-Schwerin, ein heilendes Bad am »Heiligen Damm« in der Ostsee. 1793 ließ der Herzog die ersten Badehäuser bauen, 1816 folgte das klassizistische Kurhaus mit seinem 250 m² großen Ballsaal. Heiligendamm war entstanden.

Nach Rügen brachte Fürst Wilhelm Malte I. zu Putbus die Bade-Mode. Er ließ zuerst das Badehaus Goor errichten, in dem das Meerwasser in marmorne Wannen geleitet wurde. Mit dem Wunsch aber, das Meer unmittelbarer zu erleben, ließ er Badekarren an einen Ostseestrand schaffen. Bald entstand eine Badeanstalt, eine Strandpromenade, dazu Villen, eine Allee, ein Hotel; kurzum: Binz, das erste Ostseebad auf Rügen.

Historische Badekarren
Historische Badekarren

Blickdichte Badekarren, die ins Wasser gezogen wurden Honorige Kundschaft ließ nicht lange auf sich warten: »Ich komme Ihnen wieder mit einer kleinen Völkerwanderung«, kündigte sich der preußische König Friedrich Wilhelm IV. im Jahr 1846 beim Fürsten zu Putbus an, »da Sie, lieber Fürst, nun das Unglück haben, den schönsten Teil der Insel zu bewohnen und das Ungeschick gehabt haben, daraus ein irdisches Paradies zu machen, so müssen wir bei Ihnen landen.« Und auf Usedom schmücken sich Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin mit dem Beinamen »die drei Kaiserbäder«, im Gedenken an den einstigen hochwohlgeborenen Besuch aus Berlin.

Gebadet wurde natürlich nicht im offenen Meer, sondern in einem blickdichten Badekarren, der ins Wasser gezogen wurde und aus dem der Patient ins Seewasser stieg. Auch als aus der ärztlich verordneten Therapie eine Mode geworden war, blieb der Badekarren in Gebrauch. Zudem wurde der Strand geteilt: in einen Herren- und einen Damenstrand sowie einen Abschnitt dazwischen, auf dem beide Geschlechter gesellig sein konnten, komplett bekleidet, versteht sich. Es wurde ohnehin kein Bad in der Sonne genommen, denn gebräunte Haut galt als ungesund.

Am Strand von Binz geht es heute entspannter zu …
Am Strand von Binz geht es heute entspannter zu …

Wussten Sie, außerdem dass im Chor der ehemaligen Klosterkirche St. Katharinen in Stralsund das Skelett eines Finnwals hängt (S. 170), Fritz Reuter, der Dichter Mecklenburgs, in der mächtigen Festung Dömitz, die sich über die Elbauen erhebt, inhaftiert war (S. 82 und 365), auch Mecklenburg eine Prinzessin der Herzen hat (S. 361), am Strand von Hiddensee ein Goldschatz aus der Wikingerzeit gefunden wurde (S. 220), das prächtige Dekor des Ludwigsluster Schloss nicht aus Gold und Marmor, sondern aus Papiermaché und Leim besteht (S. 80), in Sassnitz auf Rügen ein britisches und in Peenemünde auf Usedom ein sowjetisches U-Boot vor Anker liegen (S. 204 und 243), der Bismarck-Hering aus Stralsund kommt (S. 167) und Mecklenburg ein Schilda hat (S. 376)?


Antworten und jede Menge reisepraktische Tipps finden Sie im Reiseführer »Mecklenburg-Vorpommern« von Sven Talaron.

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