Rei­se­re­por­ta­ge

Pa­zi­fis­ti­sche Stier­kämp­fer
oder Die un­blu­ti­ge Jagd nach der Co­car­de

Ein Ar­ti­kel von Ralf Nest­mey­er. Der Autor zahl­rei­cher Frank­reich­ti­tel, unter an­de­rem »Pro­vence und Côte d'Azur« (4. Auf­la­ge) und »Süd­frank­reich« (2. Auf­la­ge), ist in sei­ner Rei­se­re­por­ta­ge der fran­zö­si­schen Va­ri­an­te des Stier­kamp­fes nach­ge­gan­gen. Statt der Tra­di­ti­on des Blut­ver­gie­ßens, die unter an­de­rem He­ming­way in Ek­sta­se ge­ra­ten ließ, steht hier die ju­gend­li­che Ge­schick­lich­keit der »Ra­ze­teurs« im Mit­tel­punkt.


Portrait Ralf NestmeyerEs gibt Riten und kul­tu­rel­le Ge­wohn­hei­ten, die über Jahr­tau­sen­de hin­weg tra­diert wer­den. In Sü­deu­ro­pa bei­spiels­wei­se be­sitzt der Stier­kult einen quasi re­li­giö­sen Sta­tus, der sich heute vor allem im Stier­kampf of­fen­bart. Auch im Rhô­nedel­ta, das lange Zeit zur Graf­schaft Bar­ce­lo­na ge­hör­te, wird diese Tra­di­ti­on durch die be­lieb­te »Cour­se Ca­mar­guai­se« noch immer ge­pflegt. Dabei un­ter­schei­det sich der pro­ven­za­li­sche Stier­kampf von der spa­ni­schen Cor­ri­da in dem wich­ti­gen Punkt, dass der Stier – in den al­ler­meis­ten Fäl­len han­delt es sich genau ge­nom­men um einen Och­sen – die Arena le­ben­dig ver­lässt und daher, falls er sich an­griffs­lus­tig zeigt, mehr­mals zum Kampf an­tritt.

Die schwar­zen Stie­re mit ihren ly­raför­mi­gen Hör­nern, die neben den wei­ßen Pfer­den und den ro­sa­far­be­nen Fla­min­gos zum ty­pi­schen Bild der Ca­mar­gue ge­hö­ren, wer­den üb­ri­gens von den Ma­na­di­ers ei­gens für den un­blu­ti­gen pro­vença­li­schen Stier­kampf ge­züch­tet. Im Alter zwi­schen drei und fünf Jah­ren sehen die Stie­re zum ers­ten Mal eine Arena von Innen. Nur wenn sich ein Tier als zu sanft er­weist, endet es als ku­li­na­ri­sche Spe­zia­li­tät, bei­spiels­wei­se als Gar­di­ane, einem in Rot­wein kö­cheln­den Stier­ra­gout, des­sen Qua­li­tät an der Dick­flüs­sig­keit sei­ner Soße ge­mes­sen wird.

In den letz­ten Jah­ren hat die Be­geis­te­rung für die »Cour­se Ca­mar­guai­se« so sehr zu­ge­nom­men, dass ge­üb­te Ra­ze­teurs wie Gé­rald Rado damit ihren Le­bens­un­ter­halt ver­die­nen kön­nen. Rado, der seit sei­nem vier­zehn­ten Le­bens­jahr nach der Co­car­de jagt, ge­hört zu den be­kann­tes­ten Ra­ze­teurs der Pro­vence, die an den ganz gro­ßen Kämp­fen teil­neh­men und ihre ju­gend­li­che Ge­schick­lich­keit in der Sai­son, die an Os­tern be­ginnt und bis weit in den Spät­herbst dau­ert, stets aufs Neue ein­drucks­voll unter Be­weis stel­len.

Mehr­mals pro Monat zie­hen die mo­der­nen Gla­dia­to­ren unter dem Jubel der Zu­schau­er in die rö­mi­sche Arena von Arles ein, tra­gen weiße Po­lo­hem­den und haben ein­zig die Co­car­de, den zwi­schen den Hör­nern des Stie­res an­ge­brach­ten Kopf­schmuck, im Vi­sier.
Wenn der Stier zum Kampf be­reit ist, senkt er sei­nen Kopf, wirft mit den Vor­der­hu­fen Sand nach hin­ten, um ur­plötz­lich seine mehr als 300 Kilo ge­ball­te Mus­kel­kraft in Be­we­gung zu set­zen. Die von allen Sei­ten auf das schwar­ze Un­ge­tüm los­stür­men­den Ra­ze­teurs ver­su­chen auf mög­lichst ele­gan­te Weise, die Co­car­de mit einem Ei­sen­krat­zer (cro­chet) zu ent­wen­den, ohne vom Stier ver­letzt zu wer­den. Ge­lingt es einem von ihnen sogar, die an den Hör­nern be­fes­tig­ten Bän­der zu durch­tren­nen, tobt die Arena.

Ins­ge­samt dau­ert ein »Kampf« höchs­tens fünf­zehn Mi­nu­ten. Die Ra­ze­teurs wett­ei­fern um ver­schie­de­ne Geld­prei­se: So wird der Mut des Ra­ze­teurs, der zu­erst den Stier be­rührt, mit einer Ex­tra­prä­mie von ein paar hun­dert Franc be­lohnt. Er­weist sich der Stier als be­son­ders tem­pe­ra­ment­voll und aus­dau­ernd, ver­kün­det der Spre­cher, dass der zu­meist von lo­ka­len Un­ter­neh­men ge­spon­ser­te Preis für die Co­car­de ge­stie­gen ist. Konn­te die Co­car­de bis kurz vor Schluss noch nicht er­obert wer­den, wird der Geld­preis in der letz­ten Mi­nu­te er­neut er­höht, um die Span­nung und den An­reiz für die Ra­ze­teurs noch ein­mal zu stei­gern.

Manch­mal ge­lingt es den Ra­ze­teurs erst in der sprich­wört­lich letz­ten Se­kun­de, sich vor den Hör­nern des Stiers in Si­cher­heit zu brin­gen, in dem sie sich mit einem atem­be­rau­ben­den Hecht­sprung über die rote Bar­rie­re ret­ten. Ver­ständ­lich, dass die meis­ten Ver­let­zun­gen, die die Hel­den der Arena er­lei­den, neben Fleisch­wun­den vor allem Kno­chen­brü­che und Prel­lun­gen sind. Doch ohne Bles­su­ren kommt kaum einer durch die Sai­son. Der Lohn der Angst ist ein Salär von um­ge­rech­net mehr als 50.000 Euro pro Jahr sowie Bli­cke voll ehr­fürch­ti­ger Be­wun­de­rung.