Reportage

Höhlenmalereien, die höchste Klippe Frankreichs und Cassis zu Meeresfrüchten -

ein Ausflug in die Calanques

Ein Artikel von Ralf Nestmeyer, dem Autor unserer Reiseführer »Provence und Côte d'Azur« und »Südfrankreich«. Unser Frankreichspezialist über einen Landstrich, der trotz seiner Nähe zur Millionenstadt Marseille seinen ursprünglichen Charme bewahrt hat.


Die Calanques gehören zu den spektakulärsten Küstenlandschaften am Mittelmeer. Ein paar Kilometer westlich des beschaulichen Fischerstädtchens Cassis fasziniert ein knappes Dutzend fjordartiger, tief in die Kalksteinfelsen eingeschnittener Buchten, die bis hinüber nach Marseille reichen. Eingerahmt von steil aufragenden weiß leuchtenden Felsen, auf denen Pinien und Aleppokiefern mühsam Halt finden, leuchtet das Meer in einem von türkis über smaragdgrün bis zu nachtblau reichenden Spektrum.
Da die Calanques nur zu Fuß oder mit einem entlang der Küste schippernden Ausflugsboot zu erreichen sind, besitzt die Küstenlandschaft eine einzigartige Flora und Fauna. Auf Wanderungen verbreiten Rosmarin, Lorbeer, Wacholder, Thymian und Myrte ihren betörenden Duft. Habichtsadler, Wanderfalken und Sturmtaucher gehen in dieser Küstenregion auf Beutefang, und mit viel Glück entdeckt man eine der scheuen Smaragdeidechsen oder die Eidechsennatter, die längste in Europa heimische Schlange.

Einst waren die Calanques Flusstäler. Erst als am Ende der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren der Meeresspiegel anstieg, wurden die Flussmündungen überschwemmt. Dabei kam es auch zur Überflutung einiger Höhlen, die in der Steinzeit bewohnt waren, darunter die Grotte Cosquer. Diese Höhle, benannt nach dem Tauchlehrer Henri Cosquer, der sie 1991 entdeckte, erlangte durch ihre von Steinzeitkünstlern im Fackelschein an die Wand gemalten Tierabbildungen (Wildpferde, Hirsche, Steinböcke, Bisons, Seehunde etc.) längst Weltberühmtheit.
Darüber hinaus sind die von der Erosion zerfressenen Felsen ein Eldorado für Sportkletterer; sie pilgern vor allem zu der als schönste Bucht gehandelten Calanque d’En-Vau. An schmalen Felsnadeln wie dem »Gottesfinger« überwinden die Free-Climber scheinbar mühelos die Schwerkraft und kleben mehr als 50 Meter über dem glasklaren Wasser an den Felsen.

Nur rund zwanzig Kilometer sind es von Cassis nach Marseille; aufgrund dieser räumlichen Nähe zur südfranzösischen Metropole und den zahlreichen Touristen ist es umso erstaunlicher, dass sich Cassis seinen Charme weitestgehend bewahren konnte. Vor allem das Viertel rund um das Hafenbecken besticht durch seine Atmosphäre und inspirierte schon zahlreiche Maler, darunter Raoul Dufy, Henri Matisse und Maurice de Vlaminck. Selbst Winston Churchill hatte seine Staffelei im Gepäck, als er in Cassis weilte.
Das Landschaftsszenario ist aber auch wirklich pittoresk. Die Häuser ziehen sich gleich einem Amphitheater den Berg hinauf; überragt wird Cassis von einer imposanten Burg, die sich seit Jahrzehnten im Besitz der Reifendynastie Michelin befindet und daher leider nicht zugänglich ist. Cassis selbst ist ein uraltes Fischerstädtchen, das bereits in griechischer Zeit existierte und heute an die 8.000 Einwohner fasst.

Weiter östlich in Richtung La Ciotat erheben sich mit dem Cap Canaille die höchsten Klippen Frankreichs 362 Meter über dem Meer. Eine Küstenstraße, die Routes des Crêtes, erschließt den kargen, aber sehr reizvollen Küstenabschnitt zwischen diesen beiden Städten. Nur bei Mistral ist Vorsicht geboten, denn dann tost der Wind mit einer beängstigenden Wucht über die Klippen.
In klimatischer Hinsicht ist das steil ansteigende Felsmassiv allerdings von großem Vorteil: Dank der windgeschützten Lage sind die Temperaturen bis weit in den Oktober hinein ideal zum Sonnenbaden. Daher tummeln sich an den Stränden links und rechts des Hafens all jene, denen der Weg zu den Calanques zu beschwerlich war.

Den Abend sollte man in einem der vielen Fischrestaurants an der Hafenmole ausklingen lassen. Während im Hochsommer ohne Vorbestellung kein Tisch im Freien zu ergattern ist, hat man im Herbst fast immer Glück. Austern, Seeigel und andere Meeresfrüchte werden fangfrisch kredenzt, als ideale Begleitung zum Fisch empfiehlt sich natürlich ein Cassis. Der auf den Kalksteinböden der Umgebung herangereifte Rebensaft ist ein würziger und sehr trockener Weißwein von exzellenter Qualität, der zu Recht als bester provenzalischer Weißwein gerühmt wird.


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