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»Das Museum kostet jetzt 5,80 €!«

5 Fragen an Ralf Nestmeyer

Den Anfang hat Marcus X. Schmid gemacht (siehe Interview Marcus X. Schmid). Heute sitzt Ralf Nestmeyer auf der Fragebank. Er berichtet über seine Anfänge als Autor, den (manchmal anstrengenden) Lokalpatriotismus der Franken, die perfekte Lesermail, die Länge einer Recherchetour und das schöne Gefühl, nach einem ausschweifenden Trip wieder heimzukommen. Aktuell sind Nestmeyers Bücher »Cornwall & Devon« (2. Auflage 2008), »England« (6. Auflage 2008), »Südengland« (3. Auflage 2008) und »Nürnberg/Fürth/Erlangen« (6. Auflage 2008) erschienen.


1. Wann haben Sie gewusst, dass der Reisejournalismus genau Ihre Sache ist?

Das ist schwer zu sagen. Wochen- oder gar monatelang durch ein Land zu reisen, hat mir schon immer Spaß gemacht. Schon als 17-Jähriger bin ich zusammen mit einem Freund auf eigene Faust nach Südfrankreich gefahren. Reisen bedeutete Erfahrungen sammeln, ohne dass sich daraus ein Berufswunsch ergeben hätte. Auf der anderen Seite wollte ich schon immer schreiben, hatte in Zeitungen und Zeitschriften Rezensionen, Reportagen sowie Artikel zu historischen Themen veröffentlicht, und so bin ich irgendwann mit Hilfe von Zufall und anderen Verwicklungen Stück für Stück in den Reisejournalismus hereingerutscht und diesem Metier bis heute leidenschaftlich verbunden geblieben (wie ich schon einmal berichtet habe: On Tour).


2. Als Nürnberger und Franke haben Sie auch einige Regionaltitel geschrieben: Worin besteht der Unterschied zu den anderen Büchern?

Im übertragenen Sinn habe ich von Nürnberg aus die Welt erkundet. Mein im Jahre 1994 veröffentlichter Nürnberg-Stadtführer war meine erste Buchveröffentlichung, aus der sich eine bis heute andauernde fruchtbare Beziehung zum Michael Müller Verlag ergab, die es mit ermöglichte, Reiseführer über meine europäischen Lieblingsregionen Südfrankreich und Südengland sowie über Paris und London zu schreiben. Da ich aber auch meiner Heimatstadt Nürnberg und damit Franken sehr verbunden fühle, lag es eines Tages nahe, auch ein Buch über Franken zu schreiben. Bei Reiseführern über deutsche Regionen muss man immer mit dem Lokalpatriotismus der Leser rechnen. Wenn ich beispielsweise schreibe, die Innenstadt von »Frankenstadt« sei vollkommen verbaut und nur die gotische Pfarrkirche lohne einen Besuch, bekomme ich schneller einen bösen Leserbrief, als wenn ich mich über die Architektur von »Provenceville« negativ äußere. Hinzu kommt, dass vor allem Einheimische oft die Angaben zu ihrer Heimatstadt sehr akribisch auf mögliche Fehler überprüfen und es manchmal gar nicht verstehen können, dass Ihr Lieblingsgasthof in meinem Reiseführer nicht erwähnt ist.


3. Wie viele Leserbriefe erhalten Sie monatlich? Und welche sind Ihnen besonders hilfreich?

Auch das ist eine schwankende Zahl und besser im Jahresvergleich zu beantworten: Rund 150 bis 250 Zuschriften sind es schon. Da ich hauptsächlich Reiseführer über europäische Regionen und Städte geschrieben habe, die man im Sommerhalbjahr bereist, kommen die meisten Leserzuschriften in dieser Zeit, inzwischen größtenteils per E-Mail, was für mich auch am einfachsten zu beantworten ist (). Bis auf wenige Ausnahmen beantworte ich dabei alle Lesermails persönlich. Hilfreich sind Leserbriefe, die – positive wie negative – Erfahrungen mit Hotels und Restaurants zum Inhalt haben oder aber Hinweise zu neu entdeckten Unterkünften geben und über Entdeckungen am Wegesrand berichten. Prinzipiell freue ich mich über jedes Lob und jeden Lesertipp, wie auch über jede konstruktive Kritik, die mir hilft, meine Reiseführer zu verbessern. Und dann gibt es noch ein oder zwei Leserbriefe von typischen Querulanten, die sich darüber beschweren, dass der Eintritt zum Museum XY jetzt 5,80 € statt 5,60 € kostet (wie im Buch angegeben), als könnten sie sich nicht vorstellen, dass sich die Eintrittspreise wie alle anderen Preise in dem Zeitraum zwischen Recherche und Druck leicht erhöhen …


4. Sie haben zwölf Titel für den Verlag verfasst: Ist man als Reisebuchautor eigentlich das ganze Jahr unterwegs?

Glücklicherweise nein! Die Zeit, die ich jährlich auf Recherchereisen verbringe, ist in erster Linie davon abhängig, welche und wie viele Reiseführer im betreffenden Jahr zur Überarbeitung anstehen. Meine Recherchezeit schwankt daher meist zwischen zwei und rund vier Monaten. Dieses Jahr werde ich beispielsweise die obere Grenze erreichen: In London war ich bereits im März, im Sommer geht es dann dreimal mehrere Wochen nach Südfrankreich, um die Region von der Côte d’Azur bis zu den Pyrenäen zu durchreisen, und im Herbst steht dann noch eine Paris-Überarbeitung an …
Zeitlich aufwendiger sind natürlich Reiseführer, die neu geschrieben werden, denn dabei verbringt man sicherlich das zwei- bis dreifache der Überarbeitungszeit im jeweiligen Land.


5. Machen Sie eigentlich auch noch Urlaub?

Zwar denken die meisten Leute, dass man als Reisejournalist das ganze Jahr über Urlaub macht, doch leider sieht die Realität etwas anders aus (siehe auch: Interview Marcus X. Schmid und www.einslive.de – Wie entsteht ein Reiseführer?). Es ist ziemlich stressig, den ganzen Tag über Adressen abzuklappern und Städte zu erkunden, wenn beispielsweise die Sonne unerbittlich vom Himmel brennt und man fluchend im Auto sitzt, weil Markttag ist und man keinen Parkplatz findet. Man könnte es sicherlich auch gemütlich angehen, doch dann würde man für eine Recherche mindestens doppelt so lange benötigen. Da es in »meinen« Regionen und Städten aber immer etwas zu erledigen gibt, reise ich im Urlaub inzwischen bewusst in irgendein Land, über das ich garantiert keinen Reiseführer schreiben will. Abgesehen davon, ist es auch schön, zwischen all den Recherchereisen mal wieder längere Zeit zu Hause zu sein.

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