On Tour

Nicht ohne meinen Taxischein.

Entscheidende Auswahlkriterien für Neu-Autoren

»On Tour« heißt die neue Serie in unserem Newsletter. Hier sollen die Autoren endlich einmal privat zu Wort kommen, sprich: Sie erzählen über Ihre Erlebnisse während einer Recherchetour (die manchmal eine regelrechte Recherchetortur ist). Über Stories, die nicht ins Buch passen, über Beglückendes während der Reise oder über anstrengende Ausflüge in den Wahnsinn, die auch nie fehlen … Den Anfang macht Ralf Nestmeyer, Autor von 13 Reiseführern. Er schreibt über die Ausbildungsanforderungen des Berufsstandes und das besondere Auswahlverfahren, dem sich neue Autoren im Michael Müller Verlag unterziehen müssen.


Reisejournalismus gilt gemeinhin als Traumjob, als geradezu ideale Verbindung zwischen Freizeit und Beruf. In der Vorstellung existieren Bilder von Recherchen in exotischen Ländern, von einem traumhaften Arbeitstag mit zwei, drei Hotelbesichtigungen, ein paar Weinproben und einem ausgiebigen Strandtest, bevor man sich am Abend in einem Luxusrestaurant ein fünfgängiges Menü auftischen lässt. Braungebrannt und erholt, kramt man Wochen später seine Notizen hervor und gießt diese am heimischen Schreibtisch in formvollendete Landschaftsbeschreibungen. Allzu viele phantasieren sich in die Rolle eines Berufsreisenden hinein, sehen sich als würdigen Nachfolger Bruce Chatwins, um schon bald, ausgestattet mit einem üppigen Spesenkonto, die Welt erkunden zu dürfen. Kein Wunder, dass die Anzahl der Bewerbungen, die sich in den Reiseführerverlagen stapeln, problemlos mit denen von »Deutschland sucht den Superstar« konkurrieren kann.


Die besten Voraussetzungen für den Job

Wer jetzt denkt, das wichtigste Kriterium für einen Job als Reisejournalist sei eine solide akademische Grundausbildung mit anschließendem Volontariat, das Ganze gepaart mit perfekten Sprachkenntnissen und einem Verständnis für die Kultur und Geschichte des jeweiligen Landes, der irrt – und zwar gewaltig. Ein Reisejournalist muss in erster Linie Autofahren können, außerdem flexibel und leidensfähig sein, alles andere ergibt sich quasi von selbst.
Dies ist kein Scherz – wie ich nach rund fünfzehn Jahren Berufserfahrung bestätigen kann; es ist die Wahrheit, nur sagt einem dies vorher keiner. Deshalb scheitern auch die meisten Bewerbungen neuer Autoren. Ein Fall von mangelnder Vorbereitung; schließlich lässt sich schon in Meyers Großem Konversations-Lexikon aus dem Jahre 1909 nachlesen: »Infolge der wohltuenden Wirkung auf die Nerven finden wir gerade unter den Gehirnarbeitern enthusiastische Anhänger des Motorwagens.« Und als Reisejournalist sehe ich keinen Grund, diesen Lexikoneintrag in Frage zu stellen.
Glücklicherweise hatte ich eine umfassende Ausbildung durchlaufen, gewissermaßen den Job von der Pike auf gelernt – und dies, ohne meine Berufung zu erahnen. In meinem Fall bedeutete dies: Schon mit vier Jahren saß ich am Steuer eines Kettcars, ein Führerschein folgte mit 18, danach mehrere Ferienjobs als Aushilfsfahrer (unter anderem belieferte ich Verkaufsstände mit frischen Laugenbrezen). Als Promotionsurkunde konnte ich zudem einen Nürnberger Taxischein und in dieser Funktion eine mehrjährige Erfahrung auf dem fränkischen Asphalt nachweisen. Mit anderen Worten: Als ich versuchte, einen Verleger davon zu überzeugen, dass ich der richtige Autor für ein Provence-Buch bin, verfügte ich, ohne es zu wissen, schon über die besten Grundvoraussetzungen.


Ein Hang zur Selbstausbeutung und die kulturhistorische Bedeutung keltischer Oppida

Ich sprach also vor. Als typischer Franke musterte mich mein Verleger nur skeptisch und blieb wortkarg. Mein abgeschlossenes Geschichtsstudium und diverse Publikationen wischte er mit einem Achselzucken beiseite. Erst als ich meinen Taxischein erwähnte, hob er wissend die Augenbrauen. Dies war ein schlagkräftiges Argument, das er nicht übergehen wollte. Schließlich ist mein Verleger, wie ich später erfahren sollte, als gelernter Automechaniker ein Mann vom Fach. Außerdem hatte er mit Thomas Schröder bereits einen Autor unter Vertrag, der sich in den Gassen Palermos bewährt hatte – und ebenfalls einen Nürnberger Taxischein vorweisen konnte. Womit er übrigens nicht alleine steht: Auch Stefan Loose, Verleger und Autor der gleichnamigen Reisebuchreihe, begann seine Karriere am Steuer eines Berliner Taxis. Also gab mir Herr Müller eine Chance; ich durfte das hauseigene Bewährungsverfahren durchlaufen.

Statt ein Probekapitel in Auftrag zu geben, fragte er mich unverfänglich, ob ich eine Druckvorlage zum Belichten bringen könne. Dazu reichte er mir einen verknitterten Zettel mit einer ominösen Adresse, die mich in ein heruntergekommenes Industrieviertel führte; die Firma wurde wegen ihrer geringen Kosten unter Verlegern als absoluter Insidertipp gehandelt. Eine halbe Stunde später kam ich zurück, die erste Hürde war genommen. Eindrucksvoll hatte ich demonstriert, dass ich auf der Suche nach nicht vorhandenen Hausnummern und versteckten Adressen höchstens von einem Postboten zu schlagen war. Ihm gegenüber qualifizierte ich mich jedoch dadurch, dass ich mich von Anfang an bereit erklärte, als Grundlage für zukünftige Recherchen nicht die 38-Stunden-Woche, sondern die 83-Stunden-Woche zu akzeptieren. Zudem verzichte ich freiwillig auf anfallende Sonn- und Feiertagszuschläge sowie selbstverständlich auf Weihnachtsgeld. Dieser Hang zur Selbstausbeutung ließ meinen Verleger endgültig aufhorchen. Er begann Gefallen an mir zu finden.

Letzte Zweifel sollte ich bei einem einwöchigen Praxistest ausräumen – unbezahlt, versteht sich. Um die Arbeitssituation perfekt zu simulieren, nahm mein Verleger auf der Rückbank meines Autos Platz, deponierte eine Landkarte und einen Reiseführer auf dem Beifahrersitz und los ging es. Zu seiner Begeisterung verstand ich es, einhändig zu lenken und gleichzeitig mit der anderen Hand die Landkarte auseinanderzufalten, während ich die von ihm genannten Ziele der Reihe nach ansteuerte. Die Heizung und das Gebläse liefen auf vollen Touren, ich schwitzte klaglos, denn ich wusste, mein Verleger wollte sich ganz sicher sein, dass ich für den provenzalischen Dauereinsatz unter Sonne und Mistral geeignet bin. Wir testeten meine Fähigkeiten auf der Autobahn, bei Nachtfahrten und auf kleinen verwinkelten Landstraßen – es gab nichts zu mäkeln. Selbst Serpentinen meisterte ich mit Bravour und referierte währenddessen über die kulturhistorische Bedeutung keltischer Oppida für die europäische Zivilisation. Letzteres interessierte meinen Verleger in diesem Moment herzlich wenig. Doch als er merkte, dass ich, ohne anzuhalten, nicht nur essen und trinken, sondern auch einen Text auf seine inhaltliche Richtigkeit überprüfen und nebenbei Karten korrigieren konnte, sah ich im Rückspiegel, wie er sich vor Freude über seinen zukünftigen Autor genussvoll die Hände rieb.


Das anerkennende Kopfnicken des Verlegers

Fast hätte ich es vergessen: En passant absolvierte ich in dieser Woche noch fünf Wanderungen – aus Zeitgründen auf unwegsamen Gelände mit dem Auto – und lief bei einer Sonderprüfung solange zwischen den Bamberger Kirchen auf dem Kopfsteinpflaster hin und her, bis meine Socken durch die Schuhsohlen hindurch schimmerten, was mir ein anerkennendes Kopfnicken des Verlegers einbrachte.
Mein Meisterstück lieferte ich schließlich ab, als ich mein Auto ohne jeden Skrupel am helllichten Tag auf dem Erlanger Schlossplatz im absoluten Halteverbot parkte, um in aller Seelenruhe ein Hotel zu inspizieren. Als ich nach einer halben Stunde zurückkam, war mein Verleger verschwunden, aber hinter dem Scheibenwischer klemmte mein erster Buchvertrag.

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