Reportage

»Der Hinweis auf Hartz IV ist menschenverachtend.«

Ein Artikel von PEN-Mitglied und Reisebuchautor Ralf Nestmeyer

Sind wir ehrlich: Autoren, aber ganz besonders Reisebuchautoren, haben es in diesen Zeiten nicht leicht. Ralf Nestmeyer ist so ein Reisebuchautor – und zugleich Experte für unsere England- und Frankreich-Themen. Wie er 2020 mit den Reisebeschränkungen und den schwierigen Recherchen zurechtkam und was er von der Verunglimpfung von Reisenden und der staatlichen Unterstützung hält, erzählt er in diesem Artikel.


Das Reisejahr begann erwartungsvoll. Noch im Januar 2020 diskutierten wir in einer kleineren Verlags- und Autorenrunde, in welcher Frequenz eine noch häufigere Aktualisierung der Michael-Müller-Reiseführer in Zukunft möglich sei. Zur Erklärung: Derzeit überarbeiten wir die meisten MM-Bücher alle zwei Jahre, stets aufwendig vor Ort. Im Laufe des Jahres sollte ich also alle meine Südfrankreich-Reiseführer neu herausbringen, weswegen ich drei längere Recherchereisen durch den Midi geplant hatte – von der Côte d’Azur bis zu den Pyrenäen.

Vokabeln aus der Vorkriegszeit

Reisebuchautor und PEN-Mitglied Ralf Nestmeyer (Foto: Ralf Nestmeyer)
Reisebuchautor und PEN-Mitglied Ralf Nestmeyer (Foto: Ralf Nestmeyer)

Doch dann kam Corona, und über meinen Reiseplänen stand ein Fragezeichen, das immer größer wurde … bis sich schließlich alle Hoffnungen auf eine Recherche in Luft auflösten: Geschlossene Grenzen, Reisewarnungen, Risikogebiete und Quarantänepflicht – Vokabeln aus der Vorkriegszeit waren auf einmal wieder in aller Munde und fanden Eingang in den allgemeinen Wortschatz. Die Verkaufszahlen nicht nur meiner Reiseführer brachen ein. Frankreich gehörte zu den schwer betroffenen Ländern und ging in den Lockdown. Deutschland folgte eine Woche später. Vollkommener Stillstand. Diese lähmende Situation übertrug sich auch auf meine Computertastatur.
Nachdem der Lockdown vorüber war, begann ich meine fränkische Heimat erneut zu erkunden. Regionalziele lagen im Trend, und so beschloss der Verlag, eine Neuauflage meines Franken-Reiseführers vorzuziehen. Ab Juni begann die Recherche, und ich reiste von der Altmühl bis zur Rhön quer durch Franken und erfreute mich an der schönen Landschaft. Lektorat und Layout erfolgten zügig, weshalb das Buch bereits Ende November in den Buchhandlungen lag.

Ein Highlight und eine Verurteilung

Zu meiner großen Freude stand Frankreich als bodennahes Reiseziel ab Juli wieder im Fokus. Ein Silberstreif am Horizont. Pläne kamen auf, 2020 zumindest noch meinen Languedoc-Roussillon-Reiseführer überarbeiten zu können. Die Recherche im September gehörte zu meinen persönlichen Highlights des Jahres. Vier wunderschöne Wochen, leere Strände und wenig besuchte Sehenswürdigkeiten.
Doch spätestens im Oktober kam es wieder zu einer pauschalen Verurteilung von Reisenden von Seiten der Politik. »Es ist passiert durch die Urlaubsreisen«, behauptete Angela Merkel. Kein Wort hingegen über Berliner Fetisch-Partys mit 600 Teilnehmern, Hochzeiten mit 300 Personen, Fußballspielen vor 4.500 Zuschauern in Berlin und weiteren 800.000 Bundesliga-Fans, die sich in Kneipen vor dem Fernseher versammelten und den Sieg ihrer Mannschaft feierten … Nein, vor allem die Tourismusbranche hatte man als Corona-Verbreitungs-Maschinerie ausgemacht! Obwohl sich alle Hotels und Restaurants mit eigenen Sicherheitskonzepten auf die Situation eingestellt hatten, wurden die Betriebe ab November wieder geschlossen. Seither darf man nicht einmal mehr als Selbstversorger ein Ferienhaus an einer einsamen Küste mieten. Nicht das Reisen und das Reiseziel, sondern der Distanz wahrende, verantwortungsvolle Umgang mit den coronabedingten Risiken sollte im Fokus stehen. Und das ist sowohl in Deutschland als auch in den europäischen Nachbarländern möglich.

Verluste von bis zu 80 Prozent

Ein Foto aus besseren Zeiten, wie sie hoffentlich 2021 wieder sein werden (Foto: Ralf Nestmeyer)
Ein Foto aus besseren Zeiten, wie sie hoffentlich 2021 wieder sein werden (Foto: Ralf Nestmeyer)

Gleichzeitig ärgert es mich sehr, dass viele Künstler, Autoren und Kreative bisher kaum staatliche Unterstützung erhalten haben. Trotz vielfacher Beteuerungen von Finanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier kenne ich keinen einzigen Reisebuchautor, der trotz hoher Einkommensverluste (bei manchen bis zu 80 Prozent) bisher auch nur einen einzigen Cent bekommen hätte. Der Hinweis auf Hartz IV ist in diesem Zusammenhang geradezu menschenverachtend. Staatliche Unterstützung darf es nicht nur für Reisekonzerne wie TUI, Fluggesellschaften wie Lufthansa und Festangestellte geben!
Zuletzt bleibt die Hoffnung, dass sich die Situation durch sinkende Fallzahlen und eine große Impfbereitschaft bis Ostern so weit normalisiert hat, dass 2021 eine halbwegs normale Reisesaison möglich wird – und ich im Sommer zur Recherche in die Provence sowie in die Normandie aufbrechen kann.
In der Zwischenzeit bin ich nicht untätig und schreibe nach »Roter Lavendel« und »Die Toten vom Mont Ventoux« gerade an meinem dritten Provence-Krimi, der im Frühjahr 2022 erscheinen wird …

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